Die Diskussion darüber, ob die westdeutschen Sender die Sendung der Leipziger Bach-Kantaten in diesem Jubiläumsjahr übernehmen sollten, ist zwar abgeebbt, aber die kommunistische Kulturpropaganda begnügt sich nicht damit, bei den Feierlichkeiten zum 200jährigen Todestag Johann Sebastian Bachs den Vorteil von Leipzig auszunützen. Sie reiht die Möglichkeiten des Leipziger Thomaner-Chors nicht einfach in ihre kulturelle Fassade ein, sondern sie reklamiert das Werk und die Gestalt Bachs für ihre gesellschaftlich-politische Ideologie. Zu diesem Zwecke ist eine längere, von den beiden SED-Vorsitzenden Pieck und Grotewohl gezeichnete Auslassung als eine Art Schulungsbrief an alle mittleren und unteren Parteikaders ergangen. In ihr werden ausführlich vor allem zwei Thesen vertreten:

Erstens sei Johann Sebastian Bach im Gegensatz zu der geschichtlichen und musikhistorischen Meinung kein „kosmopolitischer“, sondern ein „nationaler“ Komponist gewesen; und zweitens habe er in religiöser Beziehung nicht der Orthodoxie, sondern dem Pietismus als der „damaligen fortschrittlichen Ideologie seiner Zeit“ angehört. Wenn man in diesem Manifest noch etwa den Satz findet: „Erst die mit der Zerschlagung des deutschen Faschismus durch die Armeen der sozialistischen Sowjetunion herbeigeführte Niederlage der deutschen Imperialisten hat den Weg zu einer wahrhaft objektiven Wertung und Würdigung Bachs frei gemacht“, so erkennt man die paradoxe Bemühung, aus dem Namen Bach in dieser Zeit auch noch eine politische Waffe für die kommunistische Konstruktion der ,Nationalen Front“ zu schmieden.

Der parteipädagogische Kommentar zu diesem Meisterstück geistesgeschichtlicher Geschichtsklitterung steht brutal in der Aufforderung, die an jeden Parteifunktionär gerichtet ist: „Der Parteivorstand verpflichtet die Mitglieder zur vollen Unterstützung der Veranstaltungen im Bachjahr. Denn die Bewahrung und kritische Aneignung des nationalen Kulturerbes gehört zu den grundlegenden Aufgaben der Partei des Leninismus-Marxismus. Im Bachjahr 1950 verteidigen wir unsere nationale Kultur gegen die Zersetzungs- und Spaltungsversuche des amerikanischen Imperialismus. Durch hartnäckigen und unermüdlichen Kampf gegen alle Versuche, Bach zu verfälschen und ihn im Sinne der kosmopolitischen Propaganda zum .übernationalen’ Kirchenmusiker oder Formalisten zu erklären, zeigen wir dem ganzen deutschen Volk die nationale Bedeutung Bachs. Die Durchführung des Bachjahres ist somit eine Aufgabe der Nationalen Front des Demokratischen Deutschlands.“

Dem westlichen Beobachter muß hierzu erklärt werden, daß Begriffe wie Kosmopolitismus, Formalismus, amerikanische Kulturbarbarei nicht zufällig für dieses Dokument gewählte Formulierungen, sondern feststehende sprachliche Hilfsmittel für sehr bestimmte politische Absichten sind. Sie sind außerdem nicht auf dem Boden der Sowjetzonen-Republik gefunden worden, sondern aus dem Sprachgebrauch der Sowjetunion unmittelbar übernommen. Eben wird der Bericht über eine neue Zusammenkunft der sowjetischen Schriftsteller in Moskau bekannt, bei der Kosmopolitismus, Formalismus und amerikanische Kulturbarbarei fast in der gleichen Verwendung und mit der gleichen Schärfe des Verdikts vorkommen. Die sowjetischen Schriftsteller, denen solche Vorwürfe gemacht werden, sind gerügt, weil sie in Stoffwahl und Formung dem „gläubigen Alltagsrealismus“ der Sowjetunion nicht immer hundertprozentigen Ausdruck gegeben haben. Daß freilich diese einem rein aktuellen politischen Bedürfnis dienenden Schlagworte für eine zweckbetonte Interpretation Bachs verwandt werden, erklärt sich aus der totalen Perspektive, mit der der Kommunismus, wie er selbst sagt, sich „des deutschen nationalen Erbes“ zu bemächtigen sucht. Es läßt sich nicht sagen, daß er dabei naiv und laienhaft verführe. Denn zur Vorbereitung und Bearbeitung dieser Bachpropaganda hat er sich eines Gremiums von Musik-Kundigen versichert, die er der kommunistischen Sache hörig weiß. Und während bis vor kurzer Zeit noch die „Neue Bach-Gesellschaft“, die aus Musikern und Musikfreunden Gesamtdeutschlands besteht, die Zusicherung hatte, daß sie Trägerin der Leipziger Bachfeiern sein würde, ist inzwischen die emsige Parteiagitation der SED, mit dem Informationsamt Eislers an der Spitze, dabei, diese Bachfeiern als „Nationalen Feierakt“ im Rahmen der kommunistischen „Nationalen Front“ vorzubereiten.

Wie sehr der Ostregierung daran gelegen ist, diese so neutral erscheinende Chance zu nützen, geht unter anderen daraus hervor, daß sie in ihrer eben Gesetz gewordenen Kulturverordnung für die Bachfeiern einen beträchtlichen Ostmark-Betrag zur Verfügung stellt. Er wird unmittelbar neben den anderen Posten aufgeführt, die eindeutig für die propagandistischen Projekte der kommunistischen Regierung in pädagogischer und allgemeinkultureller Richtung bestimmt sind. Auch spielten in den Reden, die bei der Eröffnung der „Deutschen Akademie der Künste“ in Ost-Berlin von Grotewohl und Pieck gehalten wurden, die Worte Formalismus und Kosmopolitismus, amerikanische Schlagerkultur und Gangster-Religion die gleiche Rolle wie in den Erklärungen, die sich mit Bach und der mit solchem Pathos beschworenen „deutschen Nationalkultur“ beschäftigen. Der aufdringlich zur Schau getragene Patriotismus, der seit dem Agitationsmanöver für die „Nationale Front“ die Leitartikel, die Tribünen und die Parteiversammlungen beherrscht, wird jetzt mit einer ähnlichen Sturheit auf das kulturelle Gebiet verpflanzt, und es ist traurig-amüsant, zu bemerken, wie auf diesem Gelände die Nähe zur Ideologie Hitlers noch grotesker zutage tritt. Aber es drückt sich darin der umfassende und weitgreifende Versuch aus, auch jene Kreise in Deutschland zu beeindrucken, die die politische Tarnkappe des östlichen Imperialismus bisher immer noch durchschaut haben. W.