Paul Hazards „Krise des Geistes“ war in Deutschland nach 1945 eines der meistgelesenen geistesgeschichtlichen Werke. Sollte die vorliegende Fortsetzung, die von der scheinbaren Lösung der folgenreichen Krise des modernen Denkens unter dem Titel „Die Herrschaft der Vernunft. Das europäische Denken im achtzehnten Jahrhundert“ (Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg) berichtet, weniger die Anteilnahme unseres Publikums verdienen? Zweifellos müßten die Worte „Herrschaft der Vernunft“ auch auf dem Bucheinband mit Anführungsstrichen versehen sein – so sehr ist sich Hazard der Fragwürdigkeit und Gebrechlichkeit der Vernunftherrschaft des achtzehnten Jahrhunderts bewußt.

Das Glück des Menschen, die wohlwollende und vernünftige Natur, die Erziehung zur Tugend, die Regierung aufgeklärter Herrscher, alle diese schönen Worte des aufgeklärten Jahrhunderts, die ja noch heute ein Nachleben führen, ziehen als glanzvolle und berauschende Illusionen an uns vorüber; die Verkünder dieser Ideale, die Locke, Voltaire, Bolingbroke und Lessing und ihre zahllosen, oft weniger bekannten, aber kaum weniger kennenswerten Zeitgenossen, werden aus intimer biographischer Kenntnis zu neuem Leben erweckt. Ihre aufsehenerregenden schriftstellerischen Erfolge werden uns deutlich und begreiflich, aber fast gleichzeitig, oft nur in verhaltener Andeutung, lernen wir die Grenzen ihrer Wirkungen und ihre Erschütterungen ihrer optimistischen Überzeugungen kennen.

Voltaire, der zeitlebens nicht aufhört, für Vernunft und Gerechtigkeit zu kämpfen, kann nach dem Erdbeben von Lissabon nicht mehr an die Güte der Natur, nach seiner persönlichen Bekanntschaft mit aufgeklärten Despoten nicht mehr an die Gerechtigkeit der Macht, nach langjährigen Hoffnungen, vom Schreibtisch her umwandelnd auf die menschlichen Zustände einzuwirken, durchaus nicht an die „beste aller Welten“ glauben-Hume und Kant, die mit zergliederndem Verstand der Vernunft und ihren sogenannten Gesetzen auf den Leib rücken, beginnen sie als Produkte unserer menschlichen Vorstellungen zu entlarven. Rousseau zertrümmert von der Welt des Gefühls her die eingebildete Einheit von Natur, Güte, Vernunft und Kultur. Diderot erlangt seine mächtige Wirkung auf den sich ankündigenden Sturm und Drang als unermüdlicher Propagandist der Gefühle und Triebe.

Der Glaube an die Harmonie von Natur und Kultur verblaßt, die Kulte der Impulse und des primitiven Lebens ziehen statt dessen die jüngeren Generationen an. Gemeinschaften, die von der Anziehungskraft des Geheimnisvollen leben, die Freimaurer, später die Rosenkreuzer, fangen an die Szene zu beherrschen, Mystizismus und Spiritismus gewinnen die alte Gewalt über die Gebildeten und mehr noch über die Weltleute zurück Und der Prozeß der Vernunft gegen das Christentum, jenes leidenschaftliche und kurzsichtige Verfahren, in welchem der übervernünftige Gott der Christen voll Abscheu und Haß vor das Gericht des menschlichen Geistes gezerrt wurde, erweist sich am Ende des großartigen Werkes als nicht entschieden, einer gewissenhafteren Verhandlung dringend bedürftig. J. A. v. Rantzau

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Ein junger Autor mit offenen Augen und einer beherrscht geführten Feder hat sich aller erreichbaren Quellen bemächtigt und ein Buch geschrieben, daß das Drama der Deutschen im Osten – beginnend im Januar 1945 – skizziert. („Es begann an der Weichsel“ von Jürgen Thorwald, im Steingrüben-Verlag, Stuttgart.) Man muß von einer großen, klar gezeichneten Skizze in Buchform sprechen, der der Autor, bestimmt bona fiele und zweifellos auch mit einigem Recht, einen gewissen geschichtlichen Status zulegt: Die Gestalten und Handlungen der Himmler, Koch, Greiser, Hanke und auch einiger Generäle, wie Schoerner, Wende, Lasch, liefern Konturen. Und diese Konturen grenzen eine Bühne ab – mit der alles überschwemmenden bolschewistischen Steppe als Horizont –, auf der in Einzel- und Massenszenen die Katastrophe der Ostdeutschen abrollt.

Das Buch sollte weite Verbreitung im Ausland finden. Weil es – bei einigem guten Willen auf der Empfängerseite – nicht nur die Augen öffnen, sondern sogar überzeugen kann. Dassel.