Was vor wenigen Wochen dem italienischen Jesuitenpater Lombard gelungen ist, das hat nun der Protestant aus Japan noch überboten. Die Menschen standen wie eine Mauer in den Kirchen, wo Dr. Toyohiko Kagawa predigte.

„Gott hat mich von einem bösen Jungen zu einem guten gemacht“, sagt der kleine Japaner mit den fast blinden Augen in gutturalem Englisch, wie es die Asiaten zu sprechen pflegen-Werden seine Worte von Erregung getragen, kippt die Stimme in der Höhe um, und der rechte Arm stößt ruckartig in den Raum vor. Er ist unsentimental und nüchtern, der Sohn eines Samurai und einer Nebenfrau aus niederem Stand. „Das ist nicht erbauend“, flüsterten sich zwei Frauen zu, die während des langen Wartens in der Kirche mitgeteilt hatten, sie besuchten regelmäßig die Bibelstunden. Kagawa will auch gar nicht erbauen, er will packen mit dem Bericht seines eigenen Ganges zu Gott, wie es einst die Urchristen auch taten. Als Vater und Mutter gestorben waren, adoptierte ihn die Hauptfrau, damit er später das Erbe der Familie antreten konnte. Gute Schulbildung und ein Leben in der Gesellschaft seiner Kaste formten ihn, bis das Zusammentreffen mit einem amerikanischen Missionar die Wendung brachte. Sie lasen die Bibel, und der junge Kagawa erkannte plötzlich, daß die Lehre des Konfuzius hinter der Lehre Christi zurücksteht, wenn man beide auf das praktische Leben anwendet. Er mußte unter der Bettdecke zu dem neuen Gott beten, weil im Hause seines Onkels das Christentum verdammt war: vor dreihundert Jahren hatten katholische Missionare eine Revolte gegen den Tenno inszeniert... „Mein Onkel wußte nicht, daß Katholiken und Protestanten nicht dasselbe sind.“

Mit einundzwanzig Jahren, alsTheologiestudent, zieht er in das Hafenviertel von Kobe, in einen Raum von zweimal zwei Meter. Wenn der Briefträger die Post durch den Türschlitz warf, brauchte Kagawa von seinem Lager nicht aufzustehen, um sie zu greifen. Trotz der Enge hatte er immer noch Platz für die, die noch ärmer waren als er. In den elf Jahren, die er hier unter Arbeitern, Zuhältern und Dirnen lebte, wuchs in dem Bekehrten, der nun selbst bekehrte, der soziale Reformator Japans heran, den die Regierung erst bekämpfte (als Initiator eines Dockarbeiterstreiks warf man ihn ins Gefängnis) und dann mit Aufgaben betraute, wie sie bei uns lange nicht mehr ein Mann der Kirche gelöst hat.

„Jahrelang betete ich, daß die Elendsviertel in den Großstädten meiner Heimat verschwinden müßten. Da zerstörte im Jahre 1923 das große Erdbeben fast 70 v. H. der Hauptstadt Tokio. Ich wurde von der Regierung geholt, um die Flüchtlinge zu betreuen, und bekam dann den Auftrag, die Elendsviertel in den Großstädten zu beseitigen. Gott hatte mein Gebet erhört.“

In Japan ist das Christentum jung: erst Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte die Missionstätigkeit größeren Stils im Lande des Shintoismus, Konfuzianismus und Buddhismus ein. Darum auch sagt Dr. Kagawa mit Recht, daß Christus in Japan nicht nur der Befreier der Familie aus den Banden eines unnatürlichen Systems, sondern auch der Erbauer eines Bollwerks gegen den Kommunismus ist. Soweit ist das Christentum des Mannes, der nicht nur den Proletariern der Städte, sondern auch denen unter der bäuerlichen Bevölkerung als heller Stern erscheinen muß, ein japanisch begrenztes. Da er aber diesem Christentum die Macht zuspricht, der Welt den Frieden geben zu können, weitet er es ins Universelle.

„Zwanzig Jahre“, so sagt der Mann auf der Kanzel, der über hundertdreißig Bücher schrieb und trotz seiner zweiundsechzig Jahre seinem Körper keine Schonung gönnt, „zwanzig Jahre habe ich jeden Freitag morgen um sechs Uhr für den Frieden in Ostasien gebetet (der Dolmetscher übersetzte Ostasien wohl richtig mit ‚der Welt‘). Nun hat Japan an einem Freitag des Jahres 1949 eine neue Verfassung erhalten, in deren Artikel neun es heißt, daß Japan ein Volk ohne Waffen sein wird, und in deren Präambel steht, daß seit Erfindung der Atombombe die Menschen keine Waffen mehr brauchen. Meine Gebete sind erhört worden. Die Weit wird Frieden finden.“

Für diesen Frieden sprach er am Ende seiner Rede (als Predigt wurden seine Worte nicht empfunden) mit seinen Zuhörern ein stilles Gebet. Eine Minute lang war das Kirchenschiff von völliger Ruhe erfüllt. schl.