Von Josef Marein

Mir ist ein Traum preisgekrönt worden. Wir saßen in einem größeren Kreise um einen Tisch, und einer sagte: "Dies ist die Zeit, von Träumen zu leben." Sogleich erzählten wir einander Träume. Sie hatten alle etwas Surrealistisches, wie dies bei Träumen ganz natürlich ist. Der vernünftigste Traum aber sollte preisgekrönt, sollte durch eine Flasche Wein belohnt werden. Mein Traum wir der vernünftigste, und dabei hatte ich nicht erfunden, sondern wirklich geträumt.

Man muß wissen, daß ich vor einer Entscheidung stand: Wenn ich meinen alten Wagen verkaufte und meinen alten Flügel, könnte ich mir entweder einen ziemlich neuen Wagen oder einen ziemlich neuen Flügel kaufen. Was nun? Mit dieser Frage schlief ich abends ein und träumte die Lösung.

Ich träumte einen schönen Frühlingsnachmittag. Ich ging den Kurfürstendamm hinunter, nach dem ich oft so viel Heimweh habe. So wie die Sonne mich beschien, wußte ich: das ist nicht mehr der Wind von Hamburg, das ist die Sonne von Berlin. Auf dem halben Weg nach Halensee trat ich in einen Klavierladen ein. Oh, wie die Leute sich freuten, als sie mich sahen! "Wir haben eine einmalige Gelegenheit", sagte der Chefverkäufer, dem alle Flügel und Klaviere unterstanden. "Folgen Sie mir, Sie werden es nicht bereuen."

Es war einer der großen Läden, wo nicht nur die Klavierlehrerinnen und Musikamateure, sondern die großen internationalen Virtuosen ein- und ausgehen. Man führt sie mit höflichen Verbeugungen quer durchs Geschäft auf einen Hof, öffnet ihnen eine Tür, und dann können sie in einem mittelgroßen, schmucklosen Raum ganz allein sich vor einem Flügel niederlassen und dort für den Abend üben. Über diesen Hof führte mich nun der Chefverkäufer. Der Hof war enger, als ich ihn im Gedächtnis hatte, und Tür lag an Tür, und zwar dergestalt, daß das Ganze einer Anlage von Garagen glich. "Wir haben hier", sagte der Verkäufer, wobei etwas Genüßliches es in seiner Stimme lag, "einen Erard... Sie wissen: die bekannte französische Marke, nicht gerade neu, aber wunderbar erhalten. Eine Gelegenheit!" – "Ich weiß nicht, ich weiß nicht", sagte ich; denn ich schwankte, ob ich nicht lieber ein Auto kaufen sollte. Er aber schloß die Tür auf. Ich sah nun wirklich das Innere einer Garage, in deren Mitte ein Flügel stand, und während der Verkäufer mir den Klavierstuhl mit sanftem Zwang unterschob, sagte er: "Versuchen Sie nur diesen Klang; Sie werden Ihr Wunder erleben! Was ist schon ein Auto!" fügte er hinzu. "Man muß Klaviere kaufen, man muß ja schließlich für die Kultur was tun. Außerdem ist speziell dieser Flügel viel billiger im Verbrauch und hat doch volle Kraft. Versuchen Sie nur! Probieren Sie wenigstens die Bässe!"

"Éh bien", erwiderte ich, weil es sich um ein französisches Fabrikat handelte. "Gehen sie dahinten weg! Treten Sie beiseite! Ich probier’s." Der Verkäufer trat beiseite, lächelte und sagte: "Keine Sorge! Ich werde Sie einwinken!"

Ich legte den Daumen der linken Hand auf das F links vom Schlüsselloch – C. "Pong", machte der Erard leise. "Nu, nu", bemerkte der Verkäufer, "’n kleenen Akkord können Se schon dran wagen." Ich nahm die rechte Hand zu Hilfe und schlug leise den F-dur-Akkord ein. Es war ein wundervoller Klang, weiche sanft, von einer Schönheit, die erschauern ließ. "Na, seh’n Se!"