Stalin hat Zeit. Seine Pläne können nicht von heute auf morgen reifen. Am Ende seiner Mühen aber soll nach seinem Willen die "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" als das industrielle und landwirtschaftliche Zentrum Asiens gelten und eine wirtschaftliche Potenz besitzen, die ohne weiteres dem Westen gefährlich werden muß, weil sie ihre Aufgaben nicht lediglich in Autarkie sieht, sondern auch darin, Macht auszuüben.

Immerhin, mit der Autarkie mußten die Sowjets beginnen, und so machen sie seit der Revolution von" 1917 übermenschliche und teilweise auch erstaunlich erfolgreiche Anstrengungen, die Industrialisierung ihres Landes vorwärtszutreiben und den Vorsprung der westlichen Industriestaaten einzuholen. Diesem Vorsatz diente die Kette von Fünfjahresplänen, die 1928 ihren Anfang nahm. Man brauchte viele Menschen zu so riesigen Plänen, Industriearbeiter vor. allem. Und da das große Menschenreservoir in Rußland stets das Bauerntum war, zog Stalin aus ihm das "Menschenmaterial" für die überall tntstehenden Industriestädte. Die Landwirtschaft wechselte ihre Struktur: Hunderttausende von bäuerlichen Kleinbetrieben gingen in den Kolchose auf, und ihre kleinen Ackerflächen wurden zu Grdßfeldern zusammengelegt, die eine landwirtschaftliche. Mechanisierung größten Stils zuließen. Während es im Frühjahr 1930 in Rußland 158 Traktorenstationen mit 31 100 Traktoren gab, zählte man Anfang 1941 schon 7020 Stationen mit 435 000 Zugmaschinen. Gegenwärtig sind es 8030 Stationen mit 760 000 Traktoren, die mehr als 150 Millionen Hektar Äcker der Sowjetunion bestellen und ernten. Zwar waren durch diese landwirtschaftliche Mechanisierung Millionen von ehemals kleinbäuerlichen Arbeitskräften für die Industrie freigeworden, doch neue Sorgen hatten sich eingestellt: Die Menschen der Großstädte verlangten Nahrung. Und da die Bevölkerungszahl der UdSSR jährlich um etwa 2 5 Millionen Menschen wichst, werden die Anforderungen an die Nahnngsproduktion auch aus diesem Grunde immer höher. Rußland ist immer ein Agrarland gewesen. Es wird häufig vergessen, daß es vor dem rsten Weltkrieg mit einem Export von elf Millonen Tonnen Getreide im Jahr zu den Großlieferanten des Weltmarktes gehörte. Die Sowjets haben diese Erfolge nie erreicht, und obendrein hat der zweite Weltkrieg ihre landwirtschaftliche Produktion wieder völlig zurückgeworfen. Vernichtung <ier Waldbestände, vor allem im Süden, hat die Produktionskraft des Landes beeinträchtigt, und als der Krieg zu Ende war, brach das Dürrejahr 1546 mit einer totalen Mißernte herein Erst 1948 brachte wieder bessere Erträge (114 Millionen Tonnen), 1949 sogar eine sehr gute Zrnte (120 Millionen Tonnen), die zum erstenmal mehr als den Eigenbedarf deckte. Trotzdem treibt Stalin die Landwirtschaft weiter vorwärts. Jetzt, im April, vergeht kein Tag, an dem nicht Prawda und Jswestija Aufrufe und Hinweise über die Acker- und Viehwirtschaft veröffentlichen, kein Tag, an dem der sowjetische Rundfunk nicht Stunden darauf verwendet, die Kolchosaroeiter anzufeuern. Denn für Stalins hochfliegende Pläne sind die bisherigen Erfolge noch viel zu gering. Er will Oberschüsse haben, gewaltige Oberschüsse, mit denen er in die Weltpolitik einzugreifen vermag. Diese Oberschüsse sind durch die Mechanisierung der Landwirtschaft allein nicht zu erreichen. Durchgreifenderes und Größeres muß geschehen. Stalin will, daß die Hektarerträge, die sogar auf den berühmten Schwarzerddböden der Ukraine infolge des dürren Klimas nur 14 6 Doppelzentner je Hektar betragen (in Deutschland 20 5 dzha), gesteigert werden. Vor allem aber soll Neuland geschaffen werden, riesige zusätzliche Anbauflächen, Millionen von Hektar in jedem Jahr. Wie macht man das, wenn fast alles brauchbare Land bereits unter dem Pfluge ist? Mit dem Gedanken einer unerhörten Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion haben Stalin und sein Politbüro in asiatisch großzügiger Weise die natürlichen Verhältnisse des europäischen Rußland als Ganzes zur Grundlage ihrer Planungen gemacht. Die nördliche Hälfte der Sowjetunion ist — grobgesagt — Waldzone. Fast 30 v. H der Waldbestände der ganzen Welt befinden sich hier; allerdings ist ihr Holzzuwachs bei der Kälte und Nässe des Landes minimal, durchschnittlich etwa 1 1 Festmeter je Hektar. Südlich schließt sich an diese Waldgebiete die riesige südrussische Steppenregion an, voa der rumänisch polnischen Grenze bis zu den südlichen Ausläufern des Ural, die dann jenseits des Kaspischen Meeres in die Wüstengebiete Kasakstans übergehen. Diese Boden- und Vegetationsverteilungen liegen nun nicht für alle Zeiten fest: Mit heißen Winden und Sandstürmen aus den zentralasiatischen Dürregebieten drängt die Wüste von Südosten her nach Westen vor und entwertet mehr und mehr die anschließenden fruchtbaren Gebiete. In der Steppe wiederum vernichtet der Mensch die spärlichen Waldreste und läßt den Boden mehr und mehr trocken werden und hat schon seit Jahrhunderten mit Axt und Feuer den Wald nach Norden zurückgedrängt. Noch in historischer Zeit hat einst die russische Waldregäon viele hundert Kilometer weiter nach Süden gereicht als heutzutage. Es ist eine fortschreitende Entwertung der Landschaft von Süden und Südosten her, wie dies der kürzlich verstorbene weltberühmte russische Agrarwissenschaftler W. Wiljams von der BodSenikunide her noch unterstrichen hat. Nach seiner Theorie gibt es keine feststehenden Bodentypen, die man pflegen und erhalten könnte, sondern die heute vorhandenen verschiedenartigen Böden stellen sämtlich fortlaufende Etappen einer Bodenbildung dar, die sich in erdgeschichtlichen Zeiträumen vollzieht Überall in der Welt wird nach dieser Theorie der Bleicherdetyp der Wälder sich erschöpfen, allmählich zu Steppenboden und schließlich zwangsläufig zu Wüste werden. Hier ist es also wieder —das weltweite Problem der Versteppung, das Gespenst, das die Menschheit mit Hunger bedroht! Die Versteppung, der große Widersacher jeder landwirtschaftlichen Produktionssteigerung, nicht nur in Rußland! Hier liegt aber auch der Ansatzpunkt der sowjetischen Planung: Die Sowjets sind entschlossen, alles zu unterlassen, was das Verdorren des Lande fördern könnte — die Waldvernichtung etwa. Sie wollen die drohende Dürre aber auch aktiv bekämpfen, wollen sich dem natürlichen Ablauf der Entwicklung entge genstemmen. Von dieser Vorstellung (getrieben, ließ Stalin allmählich eine gigantische, eines Tyrannen über 200 Millionen Sklaven würdige Konzeption in sich reifen: Man muß"— so sagte er — die Natur des Landes umwandeln und die Dürre beseitigen. Man muß dem Lauf der natürlichen Entwicklung seinen Willen entgegensetzen. Ganze Kulturen mögen an der Versteppung zugrunde gega ngen und im Wüstensand umgekommen sein — Stalin will den Gang der Evolution umkehren, er wird der Versteppung Einhalt gebieten und aus Steppen Wälder, aus Wüsten Gärten machen. Und sei es zehnmal gegen den Willen der Natur! Die Größe dieses Vorsatzes, auf russische Dimensionen bezogen, ist beängstigend. Ströme solkn ihren Lauf verändern und aus Lehmwüsten Äcker und Waden machen; unvorstellbar umfangreiche Aufforstungen sollen die Steppenlandschaft Südrußlands in einen Park verwandeln; Tausende von Kilometern Schutzwaldstreifen sollen die zehrenden Wüstenfwisade brechen und auf Millionen von Hektar Ackerland die Feuchtigkeit festhalten. Demokratien sind in Planungen derartigen Ausmaßes gehemmt. Das private Eigentum und die Menschenrechte setzen ihnen eine Grenze und sorgen dafür, daß die staatlichen Pläne nicht in den Himmel wachsen. Nicht so in der Sowjetunion. Mit Millionen Leibeigener, auf einem Hoheitsgebiet, das ausnahmlos dem Staat — also ihm selbst — gehört, gibt es für Stalins Pläne weder Grenzen noch Hemmungen. So wachsen sie ins Überdimensionale — und bleiben trotzdem im Rahmen des praktisch Durchführbaren. Was für eine gespenstische Verkettung!. Und trotzdem: Bei aller Nichtachtung menschlicher Freiheit und Freizügigkeit läßt sich auch in der Sowjetunion das scheinbar Unmögliche nicht ohne den unwiderstehlichen Schwung menschlicher Begeisterung möglich machen. Zu tief sitzt im russischen Bauern das Demutsgefühl gegenüber der Allgewalt der Natur. Er kann und will sich nicht gegen die Natur wenden, er hat Angst vor der Vermessenheit solcher Projekte. Stalin hat dieses Hindernis erkannt. Er braucht für seine Pläne Menschen, die vor Gott und dem Teufel keine Angst haben, die, von einer alle mystischen Bindungen beseitigenden Ideologie getragen, sich bis zur letzten Erschöpfung in den Dienst dej Sache stellen. Der dialektische Materialismus in der Naturwissenschaft und in der Naturauffassung gab diese Ideologie her, und Trofim Deniso witsch Lyssenko, Präsidien t der "Lenin Akademie der AgrarWissenschaften", wurde zu ihrem Propheten. Dabei wird diese von ihm und seiner Schule entwickelte, auf Darwin aufbauende komplizierte Theorie seit Jahren den Sowjetbürgern in überaus vereinfachter Form eingehämmert: Die Natur arbeitet nicht zufällig, sondern nach bestimmten feststehenden Gesetzen. Nichjts Mystisches, Obermächtiges gibt es dabei, nur Unkenntnis unsererseits. Gelingt es daher, das System der natürlichen Gesetzmäßigkeit durch wissenschaftliche Forschung zu erkennen, dann können wir mit der Natur machen, was wir wollen. Dann können wir jede Pflanze und jedes Tier züchten, so wie wir sie brauchen und dort, wo wir sie brauchen; dann können wir Vorgänge, > die in der Natur Jahrhunderte dauern, in wenigen Monaten ablaufen lassen und können das Bild der Erde ohne Furcht vor Rückschlägen nach eigenem Gutdünken gestalten . Immerhin hat dieser dialektische Materialismus nicht nur die biologische Forschung in der UdSSR zu erstaunlichen Leistungen beflügelt, sondern er ist auch durch konsequente Propaganda zu einer Triebkraft geworden, die selbst den letzten Bauarbeiter nd Kolchosbauern zu einem willigen, ja begeisterten und aufopfernden Werkzeug in Stalins Hand gemacht hat.

1948 war es soweit. Stalin hielt die Masse der Sowjetbürger für ausreichend vorbereitet, sie für diese seine umfassenden Pläne einzusetzen, die ihn in einer Reihe von Jahren zum größten Agrarproduzenten der Erde und zum Diktator auf den Weltweizenmärkten machen sollen und werden. Im Juli und August 1948 fand die historische Generaltagung der "Akademie der landwirtschaftlichen Wissenschaften" statt, auf der Lyssenko eine revolutionierende Rede über die Lage der biologischen Wissenschaften hielt, die vielen laedersdenfcenden Sowjetwissenschaftlern ihre Stellung kostete und zu zahlreichen "Irrungsbekenntnissen" führte. Im Anschluß an diese Tagung wurde im Oktober des gleichen Jahres mit allen Mitteln sowjetischer Propaganda der auf fünfzehn Jahre berechnete Generalplan der Dürrebekämpfung bökainntgegßben, der späterhin als "Stalins Plan der Naturumwandlung" bezeichnet wurde und als solcher zweifellos einen Markstein in der Geschichte der Sowjetunion bilden wird.

Dieser Generalplan ist kein Phantom, er hat genau wie die Fünfjahrespläne Gesetzeskraft erlangt, und damit sind seine Ausführungsbestimmungen für alle Sowjetbürger zwingendes Recht. Seiner Bedeutung entsprechend wird er nicht von einem Ministerium, sondern direkt vom Politbüro gesteuert. Seine planmäßige Durchführung wird in den nächsten Jahren das zentrale Problem der sowjetischen Anstrengungen sein. So unglaublich auch die Ziele des Generalplans sein mögen — die bisherigen Erfahrungen mit der sowjetischen Praxis lehren uns, daß er in der vorgesehenen Frist von fünfzehn Jahren durchgeführt sein wird. Seine bisher nur stückweise bekanntgewordenen Einzelplänc sind in letzter Zeit in zwei Arbeiten zu einer besonders eindrucksvollen Darstellung zusammengefügt worden. Es handelt sich iuim Werner Lekränachs: "Die (Francksche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart) und Erwin Buchholz: "Der Kampf gegen die Dürre anstalt für Forst- und Holzwirtschaft, Reinbek bei Hamburg). Beide Bücher halten sich von jeder Polemik fern und vermitteirr uns ungefärbte und darum besonders überzeugende Eindrücke von den Maßnahmen, die Stalins Generalplan für den Norden, Süden und Südosten des Landes befiehlt. In der nördlichen Zone der Sowjetunion, die längst keine geschlossene Walddecke mehr trägt, sondern stark abgeholzt und von viel offenem Land aufgelockert ist, war die Landwirtschaft der Kälte uöd Nässe wegen immer schon ein recht kümmerliches Unternehmen. Das Klima kann man nicht erwärmen; wie soll man dann in diesen Gebieten die Produktion steigern? Stalins, des Allgewaltigen, Plan weiß iauch ihier den Ausweg. Seit Jahren haben die russischen Biologen und Pflanzenzüchter (Michurin, Waviloff, Zizin und andere) daran gearbeitet, kältebeständige und winterharte Getreidesorten und Kulturpflanzen