Wir sind die Kanadier“, sagte ein Mann aus der Provinz Quebec zu mir in seinem alten französischen Platt, das seit der Abtrennung Kanadas von Frankreich die Sprachentwicklung der französischen Sprache unbeachtet ließ und schwer verständlich ist, und zählte daraufhin eine Reihe von nicht so echten Kanadiern auf: Anglo-Kanadier, Deutsch-Kanadier, Polnisch-Kanadier, und allen diesen Bezeichnungen verstand er fast wohlwollend einen etwas herabsetzenden Charakter zu verleihen. Und ein Mädchen sang: „II a de ja longtemps que je t’aime, jamais je ne t’oublierai...“ Wenn ich an das Lied denke, sehe ich die weiten Seen vor mir, die ganz still sein und dann wieder in einer schweren Dünung atmen können wie das Meer, ich überblicke von einem niedrigen kahlen Felsrücken den unendlichen Wald, der sich bis fast dorthin erstreckt, wo die Hudson-Straße neun Monate im Jahr von Eis blockiert ist und Labrador sein Ende findet. „Die grenzenlosen natürlichen Kraftreserven unseres Landes“, diese Worte kehren in fast jeder Rede der Männer aus Politik und Wirtschaft Kanadas wieder. Man berauscht und beruhigt sich an dieser Vorstellung. Sie leiht ein starkes Gefühl der Sicherheit, ein starkes Selbstbewußtsein. Grenzenlose natürliche Kraftreserven stehen hinter jedem einzelnen. Mineralien, Wälder, Weizenböden, Weidegründe und Wasser. Wasser jeder Art: zwei Ozeane, Ströme, Flüsse, Binnenseen. Aber – dieses starke Bewußtsein der Sicherheit ist geliehen, ist diesen Vorkommen entliehen, und erst ihre völlige Erschließung wird auch in der Tat dieses Selbstbewußtsein decken können. Denn hinter den grenzenlosen natürlichen Kraftreserven tut sich im Bewußtsein eines jeden, der denkt (nicht jeder denkt dort wie anderswo), die Leere des Landes auf.

Die Eisenbahnen fauchen durch den Kontinent: zwanzig Kilometer, dreißig, fünfzig, von Station zu Station. Und die Station ist kaum mehr als das Stationsgebäude. Vielleicht im Hintergrund auf einer Rodung im Busch so etwas wie eine Förderanlage, ein Schacht, ein Maschinenhaus, ein Küchen- und ein Schlafhaus für zehn oder zwanzig Mann, ein Haus für den Ingenieur und sein Labor, eine Frau, drei Kinder, ein Stationsvorsteher, sein Gehilfe. Und weiter faucht der Zug, heult, faucht, läutet, vielleicht weil es so einsam ist, denn die Öde ist groß, groß sind die oft lichten Strecken des Waldes, wo graue, zerzauste, bärtige Fichten vereinzelt in hohem Sumpfgras stehen, der Zug fährt zwanzig, dreißig, fünfzig Kilometer ohne anzuhalten bis zur nächsten Station, und sie ist vielleicht nur noch ein Name, denn das Sägewerk, das Bergwerk, die Fischereigesellschaft sind längst nicht mehr. Der Förderturm steht noch, aber die Dächer der Häuser sind eingesunken, und von den Schiffen blieben fast nur noch die fahlen Gerippe und verrostete Maschinen.

Die Menschen ziehen weiter, denn die Menschen sind ruhelos. Sie müssen es sein, denn sie haben einen halben Kontinent zu erschließen, von der Arktis bis zum Breitengrad Genuas. Sie sind wenige und müssen weiter. Es bleiben Spuren von ihnen, und über sie wächst und wuchert die Wildnis hin. Schon bald. Die Birke auf dem Förderturm, die Pappel aus den eingesunkenen Dächern, die Mäuse, Iltisse, Marder und Stachelschweine tun das ihre.

Im Süden baut Ford, im Süden bauen General Motors und die anderen Großen und beliefern den Markt des Empire. Im Süden entstanden im zweiten Weltkrieg die Flugzeugproduktion und die Leichtindustrien. Ganz im Norden am Großen Bärensee ist das Radium gefunden, das einst nur das Radiummonopol des Belgischen Kongo brach und heute die Grundlage der Erzeugung von Atomenergie bildet. Und neunzig Prozent der Nickelvorkommen der Welt befinden sich im östlichen Teil Kanadas. Im Norden ziehen Rentierherden durch die weite Tundra. Im Süden reifen Weintrauben und – Aprikosen, Stapel voller Körbe stehen überall an Straßen und Landungsstegen zur Verladung bereit. Weizen im Westen, Vieh bis in die Vorberge der Rockies, Fische an den Küsten. Aber Menschen?

Sie stehen fast erdrückt von ihren natürlichen Möglichkeiten, die so unterschiedliche klimatische Bedingungen ihnen bieten. Ein noch völlig unfertiges Land, ein Land im Rohbau. Alles ist vorhanden, selbst das riesige Gerippe eines Wirtschaftskörpers, dessen Linien sich wie die einer kühnen Konstruktion abzeichnen, aber es fehlt noch immer der Mensch.

Ein Vordringen, das nun schon vierhundert Jahre währt, muß nach den Grundsätzen eines modernen Industriestaates konsolidiert werden. Diese Konsolidierung aber kann auf Gund der geringen Bevölkerung leicht zu einem Gerinnen führen, zu einem Gerinnen der Bevölkerung in den Großstädten und Industriezentren. Das Abenteuer der Eroberung ist noch nicht beendet. Werden die Kanadier es aus eigener Kraft schaffen, ohne auf eine Einwanderung im großen Stil zurückzugreifen? Einwanderung in größerem Ausmaß erscheint ihnen gefährlich, wer möchte ihnen das verargen, aber werden sie es ohne sie schaffen?

Zwölf Millionen Menschen sind der Ansicht, daß sie es schaffen werden. „Es muß etwas getan werden“, sagen die Industriellen. „Man muß vorsichtig zu Werke gehen“, sagen die Politiker und Soziologen. „Man bleibt am besten beim alten“, sagen die Franzosen in Kanada, die eigentlichen Kanadier. Und dabei kommen sie vorwärts. Sie sind tatsächlich die einzigen, deren Bevölkerungszahl Jahr um Jahr zunimmt, deren Familien groß sind, sich nicht in die Städte verlieren, selten in die Industrie, zusammenbleiben, roden, siedeln, „faire de la terre“ wie sie sagen, und möglichst alles beim alten lassen. Sie sprechen ihr altes Platt, spinnen und weben auf ihren Webstühlen, bebauen das Land nach ihren alten Erfahrungen, sind vielseitige Bauern und nicht spezialisierte Farmer und interessieren sich nicht für weltwirtschaftliche Zusammenhänge. „Man bleibt am besten beim alten!“ und dabei haben sie bereits im Norden ihre geschlossenen Siedlungen über die Grenzen des englisch-sprachigen Gebietes geschoben, noch immer mit Axt und Kanu, mit denen sie in früheren Zeiten das Land eroberten und erschlossen, das Land zwischen Felsen, Wäldern und Seen.

.. jamais je ne t’oublierai.“