Der Maler Hans Purrmann ist kürzlich siebzig Jahre alt geworden. Obwohl einer der gefeiertsten deutschen Künstler, Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und einer der einflußreichsten Männer des deutschen Kunstlebens, entging auch dieser noble, einer vornehmen Schönheit verpflichtete Maler nicht dem Nazi-Verdikt ‚entartet‘. Seitdem haben wir keine Bilder Purrmanns mehr in unseren öffentlichen Ausstellungen gesehen. 1935 ging Purrmann nach Florenz; seit 1942 lebt er in Montagnola in der Schweiz.

Purrmann ging es immer darum, den sinnlichen Glanz der Natur in ein gepflegtes, leuchtendes Ensemble von Farbe umzusetzen. „Ensemble“ – Purrmann liebt dieses Wort; er hat es von seinem Lehrer und Freund Henri Matisse übernommen. Es bezeichnet den geordneten, schönen Zusammenklang der farbigen Formen in der Einheit der Malfläche. Dieses Wort und die in ihm sich ausdrückende Absicht sieht das Kunstwerk durchaus jenseits der Realität, aber noch diesseits ihrer Transzendenz; sehr der Natur und ihrer Wirklichkeit verpflichtet, fast im impressionistischen Sinne noch, aber doch schon geneigt, diese Wirklichkeit in Frage zu stellen, sie zu überhöhen in einen kostbaren Farbdekor, der sich gern zwischen Smaragdgrün und Krapplack bewegt.

Purrmann hat in den Jahren um die Jahrhundertwende im Münchener Atelier Stucks studiert. Eine aufgeregte Malklasse, der auch Klee und Kandinsky damals angehörten. Dann ging Purrmann nach Paris und traf dort Matisse. Dies Zusammentreffen hat seine ganze Kunst bestimmt. In einem besonderen Sinne jedoch. Damals malten auch Levi, Moll und Ahlers-Hestermann bei Matisse. Es entwickelte sich so etwas wie eine spürbar deutsche Interpretation der Kunst von Matisse, die das lyrische Moment in den Gegenständen der Natur stärker empfand. Sie war gegenständlicher als die Melodik Matisses, sie war deutscher. Im Laufe seiner Entwicklung kehrte sich Purrmann immer mehr von der hohen Schönheit des Dekorativen, ab und findet in seinen letzten Bildern zu einem neuen stillen Lyrismus. Vor seinem Werk begreift man, welch eine große ästhetische Erziehung, welche Dichte formaler Erfindungskraft notwendig ist, um auch nur das zu tun – „die Natur in ein leuchtendes Farbensemble umzusetzen“. Für diese rein im Ästhetischen, wurzelnde große geistige Leistung haben wir häufig nicht das genügend ausgebildete Organ der Wahrnehmung. Es ist das der Grund warum dieser von Matisse herkommende deutsche Maler so wenig bei uns bekannt ist. Und doch sollte er es sein.

Werner Haftmann