Prof. Dr. Gerhard Mackenroth von der Kieler Universität hat in dem von Prof. Dt. Baade herausgegebenen „Weltwirtschaftlichen Archiv“ (Band 63, 2. Heft) die Möglichkeiten, Formen und Grenzen einer aktuellen sozialistischen Wirtschaftsverfassung“ beschrieben. Dieser Aufsatz, den wir bei seiner Ideenfülle auf unserem knappen Raum hier nur mehr „ansprechen“ als besprechen, ist wohl das Diskussionsfähigste, was wir bisher auf diesem Gebiet gelesen haben.

Wenn man zehn Sozialisten, Politiker oder Theoretiker, fragt, was sie denn im Kern unter Sozialismus verstehen, erhält man zehn Antworten. Die alten Dogmatiker unter ihnen warten mit Anti-Schlagworten auf und zeichnen als ihr positives Anliegen dann ein romantisches Bild von der Entmachtung des Kapitalisten, von der gerechten Einkommensverteilung, von der „endlichen“ Freiheit des kleinen Mannes – aber wie sie nun praktisch und produktiv soziale Gerechtigkeit (darum dreht sich doch alles!) verwirklichen wollen, und wie diese soziale Gerechtigkeit aussehen soll, was das eigentlich ist: da trifft man auf eine gewisse Leere.

Junge Sozialisten haben schon mehr Konkretes auszusagen. Sie kennen die Zusammenhänge von Sozialprodukt und Einkommen, von Kaufkraftverteilung und Gerechtigkeit. Bisweilen stellen sie Gerechtigkeit höher als Produktivität, die – spätkapitalistisch gesehen – eine Menge Ungerechtigkeiten im Gefolge hat, Sie wollen zudem, weil Konsumfreiheit bei ihnen hoch im Kurs steht, auch weniger „eingreifen“ als alte dogmatische Sozialisten; sie wollen „indirekt lenken“, also über Investitionskontrolle, „Utility“-Preise usw.

Dieser meist noch nicht ausgegorene Wust von echter Idee und müder Dogmatik bedarf der gedanklichen Klarheit. Daß es bisher hieran fehlt, beweist das Verhalten der sozialdemokratischen Fraktion im Bundestag. Sie hat in Wirtschaftsdingen keine Systematik, denn „Vollbeschäftigung“ oder „billiges Geld“ ist noch keine Idee. Das ist Mittel zum Zweck. Zudem ist der Sozialismus heute psychologisch vorbelastet durch den Kriegswirtschaftszwang mit Inflation, mit Bezugscheinen, kleinlicher Kommandierung, mit Bürokratisierung. Davor hat jeder Deutsche, der sich etwas Freiheitsgefühl bewahrt hat, einen nicht gelinden Schrecken. Und eines kommt hinzu: dem Sozialismus steht die neo-liberale „Freiburger Schule“ ausgezeichneter Wissenschaftler gegenüber, die eine echte Konzeption hat. Ihr wirtschaftliches Programm einer echt sozialen Marktwirtschaft haben Müller-Armack, Eucken, Hayek, Böhm, Miksch, Röpke, Meyer immer wieder logisch durchdacht, analysiert, aufgebaut. Dem hatten die Sozialisten bisher nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen; denn mit dem Begriff Sozialisierung allein ist ja nichts getan. Jetzt ist ein Anfang gemacht. Mackenroths Aufsatz verdient Beachtung. Es wäre interessant zu erfahren, was seine Freunde und seine „Gegner“ zu den theoretischen wie politischen Schlußfolgerungen, die er zieht, sagen.

Versuchen wir, Mackenroth zu interpretieren; Zergliedert man eine Wirtschaftsverfassung; so umfaßt sie fünf Teilgebiete: die Verfassung des Eigentums (wer verfügt über Sachgüter?), der Produktion (wer plant Erzeugung?), der Arbeit (was tut der Mensch in der Wirtschaft?), der Koalition (wie organisieren sich diejenigen, die an der Wirtschaft teilhaben?), der Verteilung (wer verbraucht das Produzierte?). In der Marktwirtschaft heißt das, daß Privateigentum, Produktion durch Unternehmer, berufliche Freizügigkeit, Koalitionsfreiheit und Anteil an den Gütern – durch Verwendung der Kaufkraft – zusammengehören. Die Spannung liegt hier in der Koalitionsfreiheit: Zusammenschluß kann zur Aufhebung der Konkurrenz führen, die das Leitmittel dieser Wirtschaftsverfassung ist. Daher der neo-liberale Kampf gegen Monopole, für Partnerschaft zwischen „Kapital“ und „Arbeit“, für „Marktpolizei“ zur Verfassungskontrolle, damit in echter Konkurrenz bei freien Preisen sich die Kaufkraft nicht bei wenigen häuft, mit der Folge einer einseitig falschen Nachfrage.

Liegt also bei der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung fest, was im Prinzip gemeint ist, so bleibt es bei der sozialistischen mehr im Spekulativen. Bei der Eigentumsverfassung ist dies noch am klarsten. „Gemeineigentum an Produktionsmitteln“ heißt die Parole. Was ist das? Wer soll künftig Eigentumsrechte haben?

Ohne auf Mackenroths theoretische Erörterungen – für den Fachmann interessant, dem Pseudo-Fachmann gefährlich, dem Laien zu „hoch“ – eingehen zu wollen (Tendenz: „Sozialismus ist kein Allheilmittel gegen wirtschaftliche Torheiten, bestenfalls eine Chance für klug bedachte Möglichkeiten“), gleich die Antwort: das Eigentum an Nutzungsgütern interessiere in der sozialistischen Wirtschaftsverfassung überhaupt nicht. Dieses Eigentum an „Anzug und Krawatte“ mache nicht nur das Leben erträglich und angenehm, sondern sei auch der Ausdruck von Menschenwürde und Persönlichkeitsstil, meint der Kieler Professor. Der Sozialismus im Westen interessiere sich nur für das Eigentum an den Produktionsmitteln. Die „Heiligkeit des privaten Eigentums“ sei solange gerechtfertigt gewesen, als Unternehmer, Betriebsleiter und Einkommensbezieher sich in einer Person verkörperten. Nur daraus stamme die psychologische Legitimation des Eigentums. Davon sei heute praktisch nur die Rentnerfunktion geblieben. Die Kriege und ihre Liquidation hätten ein Übriges beigetragen, so daß „neuer Eigentumserwerb nach dem großen Neuanfang der Währungsreform eher mit moralischem Verdacht belastet“ sei.