In einer Erklärung mit der Überschrift "Verhindert eine neue Katastrophe!" hat der Deutsche Gewerkschaftsbund kürzlich versichert, er werde nicht ein zweites Mal zulassen, daß die Demokratie an falscher Duldsamkeit gegenüber ihren Feinden scheitere. Ohne Zweifel ist eine solche Entschlossenheit zu begrüßen. Und es wäre hierüber kein weiteres Wort zu verlieren, wenn, ja wenn eindeutig feststände, wo denn die echte Duldsamkeit endet und wo eine falsche beginnt. Denn es gibt ja auch die falsche Unduldsamkeit, und sie kann, sofern sie zu einem Rüstzeug der Demokraten wird, die Demokratie noch stärker gefährden als die falsche Duldsamkeit. Durch zuviel Intoleranz nämlich zerstört die Demokratie sich selbst, durch zuviel Toleranz wird sie geschwächt gegen Angriffe von außen. Es hilft ihr nichts, wenn sie aus Furcht vor ihren Mördern Selbstmord begeht.

Die Vorwürfe, die vor kurzem gegen Schlange-Schöningen erhoben wurden, sind so recht bezeichnend für ein falsches Maß der Unduldsamkeit oder vielleicht sogar nur für eine Spekulation auf dieses falsche Maß bei anderen. Wahlreden aus dem Jahre 1924, in denen Schlange mit "völkischen" und antisemitischen Phrasen nicht gespart hatte, wurden jetzt gegen ihn ins Feld geführt, um ihn daheim und draußen als Generalkonsul in USA unmöglich zu machen. Dies kommt einer nichtswürdigen Denunziation deshalb sehr nahe, weil der Angegriffene durch seine Haltung während des Nationalsozialismus und nach 1945 längst bewiesen hat, wie sehr er seit 1924 den Weg zu menschlicher und staatsmännischer Reife gefunden hat. Nun, Schlange-Schöningen ist wohl mit seiner Mission in USA eher an dem Streit Washington–New York als an diesen persönlichen Anfeindungen gescheitert, und es bleibt zu hoffen, daß er der britischen Regierung als Generalkonsul in London willkommen sein wird. Insofern also wurde nichts wirklich verdorben. Aber es bleibt ein sehr übler Nachgeschmack.

Dieser Fall zeigt nämlich, wie weit es bei uns gekommen ist mit dem gehässigen Nachgraben in der näheren und ferneren Vergangenheit, mit dem Mißtrauen gegen jeden, der irgendwann einmal, auf falschem Wege war Als ob der Mensch eine ewig unveränderliche Größe wäre’. In so bewegten Zeiten wie den letzten – Jahrzehnten gibt es selten so etwas wie eine politische Identität der Person. Man sollte aus der Bibel lernen und auch in der sehr irdischen Politik mehr Freude haben an dem Mann, der über seine Fehler hinausgewachsen ist, als an den ewig Unfehlbaren. Gerade die angeblich Unfehlbaren haben den stärksten Anlaß, sich vor jedem Pharisäertum zu hüten. War nicht die gesamte Entnazifizierung von Beginn an eine durch und durch pharisäische Angelegenheit? Und es steht nicht viel anders, wenn in einer gleichsam verewigten Nachentnazifizierung durch so manche Betriebsräte den Fragebogen-"Nazis" der Rückweg zum alten, der Weg zum neuen Arbeitsplatz versperrt wird. Der Mensch wird festgenagelt auf politische Irrtümer von ehedem. Er war einmal ein "Nazi", ein Deutschnationaler, ein Kommunist, und nun soll man ihm für alle Zeiten mißtrauen. Viel zu wenig wird danach gefragt, was ein Mann heute ist, was er für die Zukunft verspricht. Wir brauchen Vertrauen unter den Menschen. Es hilft nichts, wenn man ständig die Freiheit und die Gleichheit im Munde führt und dabei die Brüderlichkeit vergißt. Aus dem Mangel an Brüderlichkeit, aus dem übersteigerten intoleranten Mißtrauen entstehen allmählich Maßnahmen, die dann auch von der Freiheit und Gleichheit wenig übriglassen. Die Werte der Demokratie lassen es nicht zu, daß es Bürger erster und zweiter Klasse gibt, daß die Grenze zwischen Rechtsstaat und Polizeistaat mißachtet wird. Und auf die Werte der Demokratie kommt es letzten Endes an, nicht auf die Technik.

Die Hüter unseres jungen Staates werden erwidern, Deutschland sei nun einmal noch krank und anfällig und deshalb müsse man besonders wachsam sein. Gegen die Wachsamkeit ist gewiß nichts einzuwenden, aber worin besteht sie? Fraglos beginnt sie mit einer richtigen Einschätzung der Gefahren. Und diese fehlt, wenn heute bei uns ständig die "neue Katastrophe", die nationalistische nämlich, an die Wand gemalt wird. Der römische Kaiser Augustus gab in seinem Testament seinen Nachfolgern den Rat, die Germanen ihren inneren Streitigkeiten zu überlassen. Er hielt dies für die zweckmäßigste Politik, die Rom zu seiner eigenen Sicherheit einschlagen könnte. Nun, in sehr erheblichem Umfange gilt dies auch heute für unsere eigene Politik gegenüber den Neugermanen von rechts Die nichtendenwollenden Rivalitäten zwischen den verschiedenen extremen Rechtsgrüppchen und ihren Häuptlingen haben bisher sicherer als irgend etwas anderes die Gefahr von rechts gebannt. Und im ganzen muß man sich überhaupt eher über die Geringfügigkeit als über die Größe radikaler, politischer Strömungen in Deutschland wundern. Das gilt auf der Linken wie auf der Rechten.

Wer macht denn die beste Reklame für Männer vom Schlage Hedlers oder Römers? Weder sie selbst noch ihre Anhänger, sondern ihre erbittertsten Feinde, nämlich die übereifrigen Hüter der Demokratie. Das Aufgebot von Protesten in den Parlamenten, von empörten Kommentaren in der Presse, von Verboten hier und Verboten dort übersteigt jedes vernünftige Maß. Es ist ganz einfach viel zuviel von Hedler, Remer und ihresgleichen die Rede. Der Goldwert des Schweigens, auch des Totschweigens, scheint bei uns weitgehend unbekannt zu sein. In England hat man während des Krieges den britischen Faschistenführer Oswald Mosley in Haft gehalten, denn damals war er ein möglicher Verbündeter des äußeren Feindes. Aber vor und nach dem Kriege hat man ihn im wesentlichen totgeschwiegen. Wir leben in Deutschland heute nicht "während eines Krieges" und es läßt sich jetzt schon übersehen, daß, wenn es zu ihm käme, die Verbündeten des äußeren Feindes nicht unter den deutschen Rechtsextremisten zu suchen wären. Jedenfalls können wir das englische Mosleyrezept so lange befolgen, als es sich bei unseren Nationalisten ganz überwiegend nur um rednerischen Lärm handelt, nicht um echte Verschwörungen, nicht um irgendeinen militanten Aufmarsch gegen den Staat. Vermutlich erledigt sich ein Mann wie Remer sehr viel schneller, wenn man ihn reden läßt, als wenn man ihn zum "Märtyrer" stempelt Niemandem bleibe es verwehrt, sich selbst lächerlich zu machen. Und wenn schon zurückgeschlagen werden muß, warum nicht auch mit der Waffe von Geist und Witz? Warum fast immer Keulen gegen Keulen? In diesem Lande, in dem – Gott sei Dank – die physische Hinrichtung abgeschafft ist, sollte man nicht ganz vergessen, daß uns die moralische Hinrichtung – eben durch den Fluch der Lächerlichkeit – erlaubt geblieben ist. Humor ist der sicherste Schutz gegen die falsche, gegen die allzu heitige und gewaltsame Unduldsamkeit.

Deutschland ist heute weder eine "starke" noch eine "schwache", es ist vielmehr eine ewig gereizte Demokratie. Gebannt von dem Gespenst von Weimar und seiner falschen Duldsamkeit, geraten wir in bedrohliche Nähe der falschen Unduldsamkeit. Weder dem Bestand noch der Würde der Demokratie wird damit ein guter Dienst erwiesen. Die echte Würde und die echte Toleranz wohnen sehr nahe beieinander, desgleichen die falsche Würde und die falsche Intoleranz. Den besten Anschauungsunterricht für den Dreiklang Würde-Duldsamkeit-Humor liefert uns im heutigen Deutschland der Bundespräsident Theodor Heuss. Da ist alles gelöst und nichts verkrampft, alles selbstverständlich und nichts gesucht. Er muß sich nicht in Positur setzen, er bedarf keiner Pose. Neben ihm wirkt jeder Vorkämpfer der falschen Würde, der falschen Unduldsamkeit schon ein weing lächerlich. Ein paar Menschen mehr vom Schlage des Bundespräsidenten würden Deutschland unendlich gut tun. Der harmonische Mensch ist selten bei uns geworden, sehr selten.