Im Institut für Technologie in Boston ist ein Instrument hergestellt worden (siehe „Die Zeit vom 12. Januar 1950), das aus einem Zukunftsroman stammen könnte: ein Handschuh für Taubstumme, der über die linke Hand gezogen wird. Er enthält winzige Vibratoren, die durch Schallwellen in Schwingungen geraten und mit den Fingerspitzen gefühlt werden können. So kann sich ein Taubstummer Geräusche und auch Worte ertasten.

Diesen „Wunderhandschuh“ hat Professor Norbert Wiener konstruiert. Die Taubstummen, so argumentierte er, leiden an einem Sinnesdefekt, der die Aufnahme und Weiterleitung von Eindrücken der Außenwelt behindert. Es galt also, andere, bisher unbenutzte Nachrichtenwege des Nervensystems ausfindig zu machen. Dabei verwertete man Beobachtungen, die auf rein technischem Gebiet gemacht worden waren: Telefon Spezialisten hatten festgestellt, daß für eine einfache, ziemlich grobe Sprach-Imitation, die jedoch für eine Verständigung von Mensch zu Mensch völlig ausreicht, ein Bruchteil der Wellen genügen, wie sie bei einem Telefongespräch übertragen werden.

Diese vereinfachte Schallwellen-Skala wurde nun für den Tastsinn zugänglich gemacht, indem man in den „Handschuh“ ein Mikrofon einbaute, das alle Töne zwischen 100 und 3000 Schwingungen pro Sekunde aufnahm (das normale Gehör erfaßt Töne, die von 20 bis 18 000 Schwingungen reichen). Wellenfilter teilen diese Schwingungen in fünf Frequenzkanäle auf, die jeder eine Oktave umfassen. Fünf verschiedene Vibratoren empfangen die Frequenzbänder und geraten in entsprechende Schwingungen, die der Taubstumme mit den Fingerspitzen fühlt. Wenn man ihm nun irgendein Objekt oder geschriebenes Wort zeigt und es gleichzeitig ausspricht, wird er durch die verschiedenen Impulse, die seine Fingerspitzen treffen, ebenso schnell mit dem entsprechenden Vokabular vertraut, wie ein Kind, das mit dem Ohr zu verstehen lernt.

W. S.