Von Wolfgang Gordan, Ascona

Ein Feuerkopf und Weltenwanderer ist dahingegangen in dunklem Leiden: ihm, der stets mit Blut schrieb, zerstörte die tückischste aller Krankheiten – die Leukämie – das Blut. Zwar hatte ein amerikanisches Atompräparat fünf Jahre lang Linderung verschafft, ja Genesung erhoffen lassen, aber unerwartet schlug der Tod zu. Auf dem Père Lachaise ruht er nun, der Unruhige, bei Chopin, Victor Hugo, Oscar Wilde.

Gerade schickte er sich an, zur deutschen Dichtung zurückzukehren: auf der Rückreise vom letztjährigen PEN-Kongreß in Venedig las er in Zürich aus dem Zyklus „Traumkraut“ – feurig wie stets, kühn in der Form, aber für den, der seinen französischen und englischen Dichtungen nicht gefolgt war, überraschend gereift als Deuter der Geheimnisse dieser Welt,

Ein Dichter in drei Sprachen? Iwan Goll hat diese Leistung vollbracht – nicht als gewandter Amateur, sich spielerisch im fremden Idiom versuchend, sondern als gültiger Dichter dreier Sprachwelten. Denn betrachtet man jene erste expressionistische Sammlung „Die Menschheitsdämmerung“, so heben sich dort Golls rhapsodische Strophen bei aller Zeit- und Stilbegrenzt heit durch den vollen eigenen Ton von manchem Mitläufertum ab. Seiner Freundin Else Lasker-Schüler ist er im reimlosen psalmodierenden Vortrag verwandt, aber er unterscheidet sich von ihr durch die männliche Kraft seines Pathos, Und schon damals kündet sich in einzelnen Zeiten sein eigentliches Anliegen – der Mensch im Kosmos – an. Da steht schon sein Mensch auf „Einen Pfeil in der Stirn, den roten Mund offen, groß wie ein Triumphbogen: hier und da, wenn es ihm einfiel, befahl er der kreisenden Sonne zu stehen.“

Das war noch der Hochmut des Jünglings, der Demiurgenrausch des Aufbruchs. Nur zu bald mußte der Dichter einsehen, daß der Mensch, weit entfernt den Gestirnen zu gebieten, nicht einmal die Bezüge des eigenen sozialen Lebens zu ordnen imstande ist. Die expressionistische Erwartung einer Menschheitsverbrüderung verflog, die Hymnen verstummten, Schmerz und Sorge waren nun aufgetragen, der Leidenschaftliche sang auch sie: er tat es in französischer Sprache, wechselte nach Paris hinüber und aus Iwan wurde Ivan Goll.

Dem gebürtigen Elsässer fiel die Vertauschung der Sprachen nicht schwer; schnell rückte er in die vorderste Linie der Pariser Poeten vor. Aber diesen, die noch munter im Selbstgenuß des Artisten mit Formproblemen der Ästhetik jonglierten, rief er seine Ängste und Beschwörungen ins Ohr. Immer eindringlicher wurde seine Stimme, und von 1937 bis 1939 erschien sein dreiteiliger Zyklus Jean-sans-terre. Aus Iwan, aus Ivan war Johann-ohne-Land geworden: der Weltfreund, der Menschenfreund, der am Menschen litt, Heimatloser und Erdenbürger zugleich, so daß jede Verwundung dieses Planeten eine Wunde cm Leib des Dichters bedeutete:

„Man pauvre Corps s’ étale