Doch so tief sein Schmerz über unsere Unzulänglichkeiten an ihm zehrte – im eigensten, privaten Bereich war ihm Glück beschieden: zauberhafte Liebeslieder flogen zwischen ihm und seiner Frau Claire hin und her, fröhlich besangen sie einander, unzertrennlich waren sie bis zu den Buchtiteln, und so hat sie denn auch Marc Chagall in einer berühmten Zeichnung mit ineinander fließenden Konturen verschwistert.

Frankreichs Zusammenbruch hat der Hellsichtige vorausgesehen: 1940 schiffte er sich nach Amerika ein. Und dort, in New York, vollzog sich die dritte, die erstaunlichste Wandlung in Yvan Goll, der sich mit seinem Zyklus Fruit from Saturn sogleich an der Spitze der neuen amerikanischen Dichtung einfand. Auch lud er Amerikaner mit versprengten Franzosen und Deutschen in seiner Zeitschrift Hemispheres (1943–1946) zu einem vierjährigen Symposion der Geister ein.

In seiner englischen Dichtung nahm Goll die rhapsodische Form seiner Anfänge wieder auf, aber nun waltete kein jugendlicher Übermut vor Sonne und All mehr: aus unergründlichen Sternenräumen fielen seine Saturnfrüchte auf die Erde – Zeugnisse rätselhafter Bezüge. Wollte man ein wenig vom Geheimnis erfassen, so konnten nur die Geheimwissenschaften helfen: die Kabbala also, arabische und christliche Mystik auch. Später schöpfte er aus malaiischen und indianischen Kosmogonien; so in der Elegie d’ Iphétonga und der Mythe de la röche percee, mit deren Abdruck in der Amsterdamer Zeitschrift Centaur wir 1947 den heimkehrenden Sohn Europas begrüßen konnten.

Er war ein. treuer Freund, ein kluger Ratgeber, er schrieb die beschwingtesten Briefe. "... Paris erweckte in mir wehe und schöne Gefühle: einerseits eine brausende, verzweifelte Jugend, die sich verbissen in den Scheiterhaufen dieser Zeit stürzt, sich ins Morbide hineinsteigert, während sie doch innerlich so schön ist, strotzend von Genie. Andererseits diese verschlafenen Straßen, die aus hundertjähriger Trauer nicht aufwachen wollen, sich selig dem Gras und dem Vergessen ausliefern. Die Arteriosklerose eines vielgelebten, vielgeliebten Volkes. Symbole seine sterbenden Dichter wie Valéry Larbaud und Léon Paul Fargue, die beide gelähmt auf ungemachten Betten ihren Tod erwarten – die Körper vermorscht und verrottet von zu vielen Gelagen und Gelegenheiten ... Ich muß nur umatmen lernen. Die europäische Lindenluft tut mir unendlich gut. Ich müßte hier gesunden können ..."

Er ist nicht gesundet. Er ging dahin, wie so viele Dichter dieser Zeit, vor der Zeit.