So naheliegend es wäre, daß die Stadt Leipzig für alle Bach-Verehrer der gegebene, unumstrittene Ort „der“ repräsentativen Gedenkfeier dieses Jahres wäre, so begründet und begreiflich ist die Tatsache, daß der deutsche Westen sich veranlaßt sieht, ein eigenes großes Bachfest von zentraler Bedeutung zu veranstalten. Denn in der Ostzone rüstet man sich mit hektischem Eifer, das Leipziger Fest zu einer parteipolitischen Propagandaaktion ersten Ranges zu machen, bei der die Gestalt des Thomaskantors dazu herhalten muß, in grotesk-verzerrter Auslegung ihres schöpferischen Wesens als Aushängeschild für ein System der schlecht verhehlten Geistfeindlichkeit zu dienen, mit dem kein Atom der menschlichen Persönlichkeit Bachs und seines Werkes auch nur den geringsten Berührungspunkt hat.

Das repräsentative Bachfest, des Bundesgebiets wird vom 23. bis 30. Juli in Göttingen stattfinden. Der Bundespräsident Professor . Dr. Theodor Heuss hat die Schirmherrschaft übernommen. Dem Kuratorium gehören neben prominenten Vertretern der Behörden und Verwaltung wie Ministerpräsident Kopf, die Kultusminister Bäuerle, Voigt und Teusch, Regierungspräsident Backhaus, Oberbürgermeister Professor Reuter und Generaldirektor Dr. Grimme, hervorragende Vertreter des Geisteslebens, der Kunst, der Musik und Musikwissenschaft an wie Professor Heisenberg, Landesbischof Dr. Lilje, Gerhard Marcks, Emil Nolde, Hermann Hesse, Paul Hindemith, Eduard Erdmann, D. Dr. Christhard Mahrenholz und andere. Auf Göttingen fiel die Wahl als Feststadt vor allem deshalb, weil dort in der Person. Fritz Lehmanns ein Musiker für die künstlerische Gesamtleitung zur Verfügung steht, der nach Neigung, Fähigkeit und Erfahrung die denkbar beste Qualifikation zu dieser Aufgabe mitbringt. Ihm steht ein ausgezeichneter Stab von Mitwirkenden – auch aus dem Ausland – zur Seite, unter denen besonders der große Orgelspieler und profunde Sachkenner Helmut Walcha zu nennen ist. Der Frankfurter Hochschulchor (Philipp Reich), die Stadtkantorei Göttingen (Ludwig Doormann), der Händel-Chor Göttingen (Lehmann) und ein eignes Fest-Orchester stellen die Ensemblekräfte.

Den Höhepunkt des Festes, das eine reichhaltige Folge von Konzerten und Vorträgen bietet, wird die eigentliche Gedenkfeier am 200. Todestage Bachs (28. Juli) in der Johanneskirche mit der Gedenkrede des Landesbischofs Lilje bilden. Ganz besonderes Interesse darf indessen die große Bach-Ausstellung beanspruchen, in der viele der wichtigsten Werke des Meisters in der Originalhandschrift zu sehen sein werden. Dr. Wilhelm Martin Luther hat sie aus dem Besitz deutscher Bibliotheken zusammengestellt und erfreute sich dabei der Mithilfe der Internationalen Bibliothek in Paris, der Kgl. Bibliothek in Brüssel, der Landesbibliothek In Bern, der Generaldirektion der italienischen Bibliotheken und Museen, des Britischen Museums in London und der Kongreß-Bibliothek in Washington. Für eine Übernahme der Ausstellung interessieren sich Italien, die Schweiz, Belgien und die USA.

Überhaupt ist die Teilnahme des Auslands an den Göttinger Veranstaltungen sehr bemerkenswert, wie auch die Liste der angemeldeten Gäste bestätigt. Das ist mehr als eines der vielen Symptome eines zeitgemäßen kulturellen Verständigungswillens. Es beweist vielmehr einmal wieder, in wie selbstverständlicher Weise Werte von überzeitlichem Rang und schlechthin allgemeinmenschlichem Gehalt die empfänglichen Geister aller Völker und Länder über innere und äußere Grenzen hinweg zusammenzuführen vermögen. Es beweist außerdem auch die Ausstrahlungskraft jenes überkonfessionellen aber unbezweifelbaren Christentums, das der Urquell des Badischen Lebensgefühls und seines schöpferischen Wirkens war. Es bedarf zu diesem Beweise keiner Vergewaltigung, sondern er bietet sich in unerzwungenen Tatsachen von selbst an. In diesem Sinne ist es ein beredtes Zeichen, daß unter den Guten des Göttinger Bachfestes auch der Präsident des Päpstlichen Musikinstituts in Rom, Monsignore Professor Anglès, sein wird. Oder auch jenes andere, fast noch bedeutsamere Faktum: daß in diesem Jahre auf Veranlassung des Vatikans deutsche Künstler für Bach-Veranstaltungen nach Italien geladen wurden.

Es ist kein politisierter, kein tendenziös Verengter, kein „aktivistischer“ Bach, der in Göttingen gefeiert werden wird. Es ist der gott- und geisterfüllte Großmeister der Musik, der er wirklich war und der mit der Unerschöpflichkeit seines ins Grenzenlose folgenden Werkes den Menschen aller Welt gehört. –th