Die einzig mögliche Zukunft Großbritanniens liegt in einer freien Republik in einer zunächst noch europäischen und später die ganze Welt umfassenden Union der Sowjetrepubliken.“ Der Mann, der einst diese Zeilen schrieb („Der Kampf um die Macht“, 1932), und dem in den dreißiger Jahren wegen kommunistischer Umtriebe die Einreise in die USA verweigert wurde, ist heute Großbritanniens Kriegsminister und oberster Chef des militärischen Geheimdienstes: John Evelyn St. Loe Strachey. Hat er noch immer, eine Neigung zum Kommunismus? Das ist die Frage, die Englands Gemüter beunruhigt.

Die ersten Angriffe in dieser Richtung wurdenschon bald nach der Neubildung des Kabinetts Attlee im März gestartet. Ein Londoner Blattforderte auf Grund der Behauptung, Strachey habe niemals öffentlich dem Kommunismus abgeschworen, seinen Rücktritt. Labour übernahm die Verteidigung des so Angegriffenen. Und heute zweifeln politische Beobachter nicht daran, daß der Ausgang dieser Fehde entscheidenden Einfluß auf die nächsten englischen Wahlen haben wird.

Clemenceau wird der Ausspruch zugeschrieben, daß er, wenn man ihn beschuldige, die Türme von Notre Dame gestohlen zu haben, zunächst einmal die Flucht ergreifen würde. Die gegen Strachey erhobenen Anwürfe sind im Zeitalter der kommunistischen Hexenverfolgungen wahrlich nicht weniger gefährlich. Dennoch ist er keinen Schritt zurückgewichen. Kaltschnäuzigkeit, sagen die Konservativen; ein gutes Gewissen, erklärt Labour. Wenn nicht alles täuscht, verfügt Strachey über beides, über ruhiges Blut und eine reine Weste.

Fraglos war Strachey kein Mitglied der kommunistischen Partei. Fest steht aber auch, daß er nie aus seinem zeitweiligen Hang zur kommunistischen Ideologie ein Hehl gemacht hat. Noch heute gehört er mit Bevan, an den ihn eine alte Freundschaft bindet, zum äußersten linken Flügel der Partei. Und gleich Bevan ist auch er einer der wenigen glänzenden Debatter seiner Fraktion. Im letzten Krieg hat er eine überzeugende Probe seiner Schlagfertigkeit ablegen können. Er verteidigte – und zwar, wie wir wissen, mit Erfolg – über BBC die britische Luftkriegführung der Flächenbombardierung deutscher Städte. In jenen Jahren und während seiner Amtszeit als Ernährungsminister hat Strachey bewiesen, daß er kalt urteilen kann, wenn es darauf ankommt.

Die politische Karriere des heute neunundvierzigjährigen Ministers dient sowohl seinen Gegnern als auch seinen Freunden als Hauptargument. Denn: Als Sohn des Herausgebers der konservativen Wochenzeitschrift Spectator und Neffe des viktorianischen Romanhistorikers Lytton Strachey trat er einst in Eton und ins Magdalen-College ein. Als Jünger des Sozialismus verließ er Oxford. Als enttäuschter Radikaler hängte er sich dann an die Rockschöße des englischen „Duce“ Mosley, und als marxistischer Schriftsteller bekämpfte er wenig später eben dessen faschistische Theorien. Als Unabhängiger gab er im Left Book Club von Victor Gollancz kurz vor dem Krieg Schriften gegen den Kommunismus heraus, und 1943 endlich kehrte er zurück in die Reihen der Labourparty.

Strachey hat also seine Meinungen häufig gewechselt. Das ist in England keine Seltenheit. Ob es immer als ein politischer Qualitätsnachweis gelten kann, ist eine andere Frage. Aber wenn eine so angesehene Wochenschrift wie der Economist fordert, daß „der Ausschluß all derer, die jemals vom Kommunismus vergiftet waren, aus Positionen des öffentlichen Vertrauens zumindest ernsthaft erwogen werden muß“, dann scheint es doch an der Zeit, die seit den Affären Fuchs, Hiss und Jessup immer mehr aus dem Gleis geratenen Dinge auf rechtes Maß zurückzuführen. Die politische Überzeugung ist keine Charakterfrage, sondern eine Sache der ratio. Wer einmal gestohlen hat, dem mag man mit Recht mißtrauen. Wer aber mit zehn Jahren an den Weihnachtsmann glaubte, dem kann man dies nicht zu Recht noch als Vierzigjährigem vorwerfen. Und was für den Weihnachtsmann bei jedem Kind gilt; das gilt für Stalin im Fall Strachey. Claus Jacobi