Bremen, im April

Das Bremer „Theater im Hause“, das bereits mehrmals mit der Ambition, einen neuen, literarisch orientierten Stil zu finden, hervortrat, erwies sich – trotz schweren Existenzkampfes – erneut als Bahnbrecher und wagte eine Frank-Thiess-Uraufführung als verspätete Geburtstagsgabe für den Dichter. Der seinerzeit sensationelle Entschluß Leo Slezaks, von der Opernbühne abzutreten, gab den äußeren Anlaß zu diesem Stück mit dem literaturgeschichtlich vorbelasteten Titel Musik. Das „Was“ ist hier allerdings unwichtig. Entscheidend für den stürmischen Premierenerfolg wurde die Gestaltung. Thiess horchte den Raum des Zimmertheaters aus, sah seine Grenzen und schrieb einen völlig neuen Stil für die Zimmerbühne: intim,theaterwirksam und spannend im Dialog. Der Doppelsinn des Wortes wird wieder wirksam, Effekte laufen rückbezüglich in den Ausgangspunkt der seelischen Lage, feinste Nuancen gewinnen den Wert eines Gewichtes, das, jeweils der Situation angepaßt ausgependelt wird. Das Wortspiel löst entscheidende menschliche Veränderungen (zum Beispiel die Erkenntnis des Kammersängers, daß sich seine stimmliche Substanz vermindert) ab, die wiederum der Atmosphäre des momentan im Vordergrund stehenden Schauspielers (der Musiklehrer, der Adlige, die Künstlergattin, der Kellner, der Kritiker und die Gattin des Musiklehrers als Symbole des Akademischen, des Verkommenen, der Unverstandenen, der Naivität, des beißenden Analytikers und der Urteilslosigkeit) weichen müssen. Eine Meisterleistung Gillis van Rappards, der zugleich als Kritiker Silberrain und als Regisseur verantwortlich zeichnete. Frank Thiess, der dem Zimmertheater mit diesem einstündigen Werk einen neuen Reiz, aber auch einen neuen Sinn verlieh wurde lebhaft gefeiert.

Kurt Reuter