In den Jahren nach 1945 – also schon bevor der „Rubelblock“ aktuell wurde – hat sich im Wirtschaftsleben der Ostblockstaaten die Gepflogenheit herausgeschält, daß alle Erträge aus den Westexporten der Ostblockländer und auch aus dem Binnenverkehr in den Rubel-Pool nach Moskau fließen. Dort werden dann die Anteile verrechnet, und Moskau setzt die Rubelkurse der Währungen fest. Zwar sind die im Außenhandel erreichten Weltmarktpreise die Basis, aus der das Einkommen des Rubel-Pools zu errechnen ist, sie sind aber keineswegs die Basis für den Ertrag, den die einzelnen Länder von dem Pool in ihrer Inlandwährung zugeteilt erhalten. So wird theoretisch der Warenaustausch der Länder untereinander wohl vereinfacht, doch praktisch, ist es so, daß, weil die Schlüsselindustrien in zentral von Moskau verwalteten Sowjetgesellschaften zusammengeschlossen sind, letzten Endes dort bestimmt wird, wo und was produziert, verkauft oder gekauft wird.

Produktion und Handelsfluß werden von dem Molotow-Plan bestimmt; er hat die Aufgabe, den sowjetischen Bedürfnissen gerecht zu werden. In der „Arbeitsteilung“ liefern die Balkanländer vorwiegend die Rohstoffe; Deutschlands Ostzone, Polen und die Tschechoslowakei haben die Industrieprodukte zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus hat Sowjetrußland die deutsche Ostzone, Ungarn, Rumänien und Bulgarien erheblich mit Reparationen belastet, die in Form von Demontagen und auch in der Form von Waren-, Lebensmittel- und Rohstofflieferungen erfolgen müssen. Der sich daraus ergebende wirtschaftliche Zusammenbruch der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands zwang Sowjetrußland im Jahre 1948 dazu, eine Reihe bereits demontierter – Anlagen wieder zurückzuerstatten. Man wollte die Henne, die die goldenen Eier legt, gerade noch am Leben erhalten. Die an Sowjetrußland bisher ausgelieferten Industrieanlagen und Güter des deutschen Ostens belaufen sich auf jährlich 500 Mill. $ bei einer Gesamtreparationsforderung von 10 Md. $ an ganz Deutschland.

Den Wert der industriellen Produktion in allen Ostblockstaaten (außer Jugoslawien) schätzen Sachkenner auf 10 Md. $ im Jahr, wobei auf die Ostzone allein 4,5 Md. $ entfallen sollen. Daher hat ihre Industrieproduktion die höchste Priorität in der Ostblockwirtschaft. An zweiter Stelle steht das Kombinat des oberschlesisch-teschener Industriegebietes und der Ausbau des Oder-Donau-Wasser- und Landstraßennetzes mit dem Stettiner Hafen als Kopfstation, womit Ungarn, die Tschechoslowakei, Ostdeutschland und Polen untereinander und mit Rußland eng verbunden werden. Hinter diesen Schwerpunkten treten die Industrialisierungsbestrebungen der Ostblockstaaten völlig zurück – bekanntlich eine der Ursachen für den Abfall Titos.

Vergleicht man den sowjetischen Lebensstandard mit dem der Ostblockländer, dann ist festzustellen, daß die Satelliten noch immer relativ „gut“ leben. So groß die sowjetische Beute in den abhängigen Ländern auch ist, so ungenügend hat sie sich für Rußland erwiesen. Und so leicht die „Ausrichtung“ der Ostblockwirtschaft auf Sowjetrußland auf dem Papier erschien, so schwierig erweist sie sich innerhalb absehbarer Zeit. Der Osten insgesamt kann noch immer nicht auf den „kapitalistischen“ Westen verzichten.

Die Abhängigkeit der Ostblockländer vom Westen erhellt aus den Vorkriegszahlen für ihre Einfuhr: Bulgarien bezog 81 v. H. seines Bedarfs aus Westeuropa (vorzugsweise aus Deutschland), Rumänien 70 v. H., Ungarn 63 v. H., die Tschechoslowakei 59 v. H. und Polen 53 v. H., wobei der Rest der Einfuhren nahezu vollständig aus überseeischen Gebieten oder anderen Oststaaten – außer Sowjetrußland – stammte. Ebenso verhielt es sich mit den Ausfuhren. Trotz großer Anstrengungen für eine Ostausrichtung gingen zum Beispiel 1948 nur 15 v. H. der tschechischen Ausfuhren nach der UdSSR, 45 v.H. aber in die Marshall-Plan-Länder, der Rest verteilte sich auf den Ostblock.

Indem die UdSSR aus der Not eine Tugend macht, benutzt sie die gegenseitige Abhängigkeit von Ost- und Westeuropa als politische Waffe, um zugleich durch den Güteraustausch die dringend notwendigen technischen Produkte hereinzuholen. Auf diese Weise dient die Produktion der Ostblockländer zur Bezahlung von Gütern, die nach Sowjetrußland gehen, während die Ostblockländer den „Gegenwert“ In Rubeln und nur zum geringsten Teil in Waren erhalten – denn die technischen Rohstoffe und Geräte dienen ja dem Ausbau solcher Produktionen, die nach der UdSSR ausgeführt werden. Für den heimischen Konsum verbleibt nur das, was Moskau für lebensnotwendig erachtet.

Die Produktion der stark geförderten Schwer- und Maschinenindustrie in der Ostzone sowie sonstige für Sowjetrußland rüstungs- und industriewichtiger Güter werden also nach dem Osten abgezogen. Man steigerte aber auch die Produktion von Verbrauchs- und Gebrauchsgütern – nicht für die Eigenversorgung, sondern für den Export, um sich die Devisen für die technischen Erzeugnisse und die Rohstoffe zu beschaffen. Die Voraussetzungen dafür liegen in der Behandlung des Faktors Arbeitskraft. Arbeit ist im Osten so billig und durch Druck, Zwang und kleine Vergünstigungen so leicht zu beschaffen, daß ihr Einsatz kalkulatorisch keine Rolle mehr spielt. Das Realeinkommen wird durch Stopppreise so gesteuert, daß nur der „Spezialist“ in den „freien“ Läden kaufen kann. Aber auch sein Reallohn liegt nur bei 15 v. H. gegenüber dem des westdeutschen Arbeiters.