Londoner und Münchener haben für gewöhnlich nicht viel miteinander gemein. In der vergangenen Woche aber geschahen Dinge, die es erlauben, den Namen der britischen und der bayerischen Hauptstadt in einem Atemzug zu nennen. Es geschahen sozusagen europäische Dinge.

Man sagt, wenn andere Völker auf die Barrikaden stiegen, schriebe der Engländer einen Brief an seine Zeitung. So auch diesmal. Seit Monaten gibt ein geheimnisvolles Geräusch den Londonern Rätsel auf. Tausende – selbst Taube – hören es tagtäglich. Es klingt wie ein ferner Düsenmotor, meinen die einen, wie eine zornige Wespe, die andern. Aber niemand kann es lokalisieren. Und niemand wagte bisher öffentlich darüber zu sprechen. Jetzt brachen Leserzuschriften an die Daily Mail den Bann. Sie deuteten jenen gräßlichen Gedanken an, den in aller Stille schon mancher hatte: Ob es wohl „etwas Sowjetisches“ ist?

In München genügten ähnlich luftige Ereignisse, um ungleich bajuvarischere Ergebnisse zu erzielen. Eine „fliegende Untertasse“ über dem bayrischen Wald und der Luftkampf über Libau waren zuviel für einige Bürger. Nachdem sie sich gründlich die Schrecken eines neuen Krieges ausgemalt hatten, rüsteten sie zur Flucht. Und eine Kolonne von vier Personenautos und zwei Lastwagen, hochbepackt mit Hausrat und 30 Menschen, war bereits unterwegs, ehe sich die Gemüter wieder beruhigten.

Ach, es gibt sie also doch, die vielbeschworene Solidarität Europas, es gibt sie in einer Fülle von Angstvorstellungen. Was gestern in München und London passierte, kann sich morgen in Hamburg und Paris wiederholen. Ebenso rar, wie auf diesem Kontinent die Ideen geworden sind, ebenso üppig wuchern die Hirngespinste. Der abendländische Weizen, der für die Paneuropäer noch immer nicht recht blühen will, ist überreif für die Psychoanalytiker, die Feldärzte des Kalten Krieges. „Europa zerstört sich selbst“, sagte Stalin? Hysterisch ist es schon. C. J.