Die neue finnische Regierung Kekkonen hat die Ministersessel kaum eingenommen, da sieht sie sich schon vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe. Mehr als hunderttausend Arbeiter fordern Tarif Verhandlungen, auf die sich die Arbeitgeber nicht einlassen wollen. Sollte durch diese innerpolitische Krise die Stellung Finnlands als letzte Demokratie im sowjetischen Einflußgebiet erschüttert werden? Ein Rückblick auf die zehn Jahre, die seit dem Moskauer Frieden von 1940 vergangen sind, beweist, daß „Suomis“ Lebenswillen trotz aller Meinungsverschiedenheiten nicht zu brechen ist.

Finnland hat sich immer wieder aus der Asche erhoben – ein Phönix! Es hat seine Selbständigkeit innerhalb des alten Rußland länger als irgendein anderer Teil des Zarenreiches gewahrt, und es war die erste Provinz dieses Reiches, die 1917 die Eigenstaatlichkeit proklamierte und sogar behauptete. Es erhob sich auch nach jenem Moskauer Frieden vom Frühjahr 1940 wieder, der – zehn Jahre sind es her – einen Krieg beendete, in dem ein kleines Volk sehr tapfer war, obgleich es keine andere auswärtige Unterstützung erhielt als die Sympathien des Westens, mit denen die Finnen allerdings keine Kanonen laden konnten. Und auch aus dem letzten Krieg ist Finnland wieder erstanden. Dies vollbrachte die sittliche Kraft von vier Millionen Menschen, denen es selbstverständlich ist, den Krieg nicht nur gemeinsam geführt, sondern auch gemeinsam verloren zu haben.

Im Moskauer Frieden verlor Finnland 3,5 Millionen Hektar Land. Eine Fläche, die von 13 Prozent seiner Bevölkerung bewohnt wurde. Es verlor 38 000 Bauernhöfe in Karelien. Aber es verlor keinen Karelier, denn 450 000 Menschen ließen ihren Besitz im Stich und suchten in Restfinnland ein Unterkommen. Daran kam der neue Krieg. Die Finnen eroberten Kardien zurück. Und wieder zogen 450 000 Menschen über die Landstraßen in ihre Blockhütten bei Salla oder am Paanajärvi. Sie hatten jedoch kaum das Dach des Stalles ausgebessert, da bestimmte ein neuer Friedensschluß die Einbeziehung ihrer Heimat in die karelo-finnische Sowjetrepublik. Und wieder zogen die Karelier westwärts. Niemand zwang sie, niemand wies sie aus. Im Gegenteil, man machte ihnen Versprechungen, wenn sie nur bleiben wollten.

„Wie viele sind dortgeblieben?“ fragte 1946 eine Amerikanerin der Unrra-Hilfsmission einen finnischen Verwaltungsbeamten. „Zehn“, war die Antwort. Zehn, nicht etwa zehntausend.

Aufs neue ging Finnland daran, seine Kriegsflüchtlinge unterzubringen. Am 5. Mai 1945 beschloß das Eduskunta, das Parlament, jeden Grundbesitzer von mehr als 25 Hektar zur Abtretung von Land zu zwingen, prozentual gestaffelt. Die kleinsten Höfe mußten zehn Prozent abgeben, die von 800 und mehr Hektar jedoch 75 Prozent. 48 000 Gesuche liefen beim Landwirtschaftsministerium ein, 46 000 werden, anerkannt – und befriedigt. Dabei hat das Gesetz nur zum Teil angewendet werden müssen, denn 40 Prozent des benötigten Landes wurden freiwillig oder durch Schenkungen abgetreten. Nur drei Prozent der karelischen Flüchtlinge sind heute noch ohne eigenen Grundbesitz, was nicht heißen soll, daß nicht auch sie ein anständiges Dach über dem Kopf haben. Sittliche Kraft des finnischen Volkes!

Überall sind neue Gebäude, neue Gehöfte entstanden. Schon jetzt sind es 54 500, ganz abgesehen von den im Bau befindlichen und jenen in Lappland, das von den abziehenden deutschen Truppen fast vollständig zerstört wurde und heute ebenso vollständig wieder aufgebaut wurde. Ein Wunder. Aber vollbracht wurde das Wunder durch „talkoot“. – „Talkoot“, ein Wort, das in unserem Lexikon leider fehlt. Es heißt – übertragen – soviel wie Gemeinschaftshilfe. Das ganze Dorf schafft das Heim des neuen Siedlers Die Männer roden den Wald und bauen das Haus. Die Kinder entästen die gefällten Bäume. Die Frauen statten das Innere des Hauses aus, und die Mädchen bereiten das gemeinsame Mahl.

In den Wäldern Lapplands und auf der Heikinkatu von Helsinki vergißt man keinen Augenblick, daß man auf einem Vulkan sitzt. „Wir sind ein schmerzendes Steinchen in der großen Galle unseres Nachbarn“, sagt man. „Aber die Operation würde Blut kosten.“ Und obgleich die sowjetischen Geschütze vom Stützpunkt Hanko bequem in die finnische Hauptstadt schießen könnten, ist es wohl noch nicht so weit, daß sie es riskieren würden. Was morgen kommt, danach darf man nicht fragen. Noch ist „Vaapa Suomi“, das ‚freie Finnland, kein leerer Wahn; es ist wieder einmal wie Phönix aus der Asche erstanden. Erik Verg