Zum erstenmal seit dem Ende des zweiten Weltkrieges trafen deutsche und englische Historiker zu einer Tagung zusammen, die durch die Bemühungen der Vereinigung G. E. R. (German Educational Reconstruction) insbesondere ihres Chairman S. H. Wood und ihres Sekretärs E. Hirsch, vom 18. bis 30. März in Oxford zustande kam.

Eine solche Begegnung hat unter den heutigen Umständen nicht nur eine wissenschaftliche, sie hat darüber hinaus eine allgemeinere Bedeutung. Vielleicht schält sich der für die Allgemeinheit wichtigere, in den Bereich der Politik einmündende Eindruck, den die Konferenz hinterließ, sogar klarer heraus als die eigentlich wissenschaftlichen Ergebnisse. Die langen, von deutscher Seite oft übermäßig breit ausgesponnenen Diskussionen über das Problem der historischen Objektivität oder über den Begriff der Einheit des Mittelalters oder die gegenseitige Beeinflussung von Politik und Religion ließen im Endeffekt die wichtigsten Fragen unbeantwortet. Ganz deutlich geworden aber ist im Verlauf der Vorträge und Debatten die grundsätzlich andere Einstellung der deutschen und englischen Historiker zur Geschichte. Für die Engländer ist Geschichte von Politik nicht zu trennen, die Deutschen neigen dazu, die Beschäftigung mit der Geschichte zu einem Lebensbereich für sich, zu einem Gegenstand der reinen Kontemplation, möglichst entfernt von jeder politischen Entscheidung, zu machen.

So forderten denn aus ihrer Tradition heraus einige der anwesenden deutschen Universitätsgelehrten, am eindeutigsten Grundtmann aus Münster und Nürnberger aus Bonn, die Pflege der Geschichte um der Geschichte willen, historische Erkenntnis aus einer Haltung völliger Unparteilichkeit gegenüber den Kämpfen und Tragödien der Vergangenheit. Der Historiker unterstehe einem „eigenen Lebensgesetz“, welches ihn der reinen Erkenntnis verpflichte. Eine Verbindung von Politik und Geschichte sei im Dritten Reich versucht worden und habe eine schwere Schädigung der deutschen Wissenschaft mit sich gebracht. Eine neue, auch eine „demokratische Politisierung der Geschichtswissenschaft würde nicht weniger gefährlich sein. Bei alledem – es konnte, im Verlauf dieser Diskussionen weder Engländern noch Deutschen verborgen bleiben, daß auch ein solches Bekenntnis zur reinen Historie von politischen Erwägungen und Befürchtungen bestimmt ist.

Bei den englischen, übrigens auch bei einem Teil der deutschen Fachgenossen, stieß diese Forderung nach völlig unparteilicher und unpolitischer Geschichtsschreibung auf Zweifel und Ablehnung. Ob etwa Sir Ernest Barker, H. E. Carr, A. P. Taylor, die Verfasser stark zeitgeschichtlich orientierter Werke, oder G. Barraclough, ein Vertreter der mittelalterlichen Geschichtsforschung, das Wort ergriff, immer trat ein politischer Standpunkt und eine allgemein menschlichen Problemen verbundene Lebensanschauung hervor. Gewiß reden die englischen Gelehrten nicht einer blind parteiischen und damit unwissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung das Wort, aber wissenschaftliche Objektivität ist ihnen immer ein Verstehen mannigfaltiger und auch abweichender Standpunkte, eine fairness gegenüber dem Gegner in Vergangenheit und Gegenwart – sie ist aber nicht eine die historischen Gegensätze immer nur erklärende und niemals wertende Unparteilichkeit. Eine religiöse oder ethische Überzeugung, die sich im politischen Bereich mit dem angelsächsischen Freiheitsideal verbindet, spricht eben auch in der englischen Wissenschaft stärker mit. Offensichtlich ist in England das Bewußtsein des Historikers bei weitem nicht so „historisiert“ und relativistisch wie bei uns. Ferner zeigte sich immer wieder, daß der Engländer der Politik nicht so skeptisch und scheu gegenübersteht, wie die gebildeten Deutschen es im allgemeinen tun. Für den englischen Menschen, sei er Historiker oder nicht, gibt es noch den Glauben an die richtige Politik, der dann auch seine Geschichtsschreibung bestimmt. Daher fanden auf dem Oxforder Boden der Politik näher stehende Ausführungen deutscher Wissenschaftler, wie des Heidelbergers Fritz Ernst, des Mitherausgebers der „Welt als Geschichte“, oder der Neuhistoriker Fischer aus Hamburg und Wagner aus Marburg, andererseits auch die von einer ursprünglichen künstlerischen Liebe zum Mittelalter mitbestimmten Auffassungen Heimpels aus Göttingen, mehr Widerhall als die oben erwähnten Bekenntnisse zur streng unparteiisch erklärenden Darstellung oder auch als die ausgesprochen philosophische Geschichtsdeutung Otto Voßlers aus Frankfurt.

Der engeren Verflechtung der Geschichte mit der Politik, auf der britischen Insel entsprach es, und dies würde im Rahmen einer deutschen Universitätstagung kaum der Fall gewesen sein – daß dort auch aktuelle Fragen der englischen Politik lebhaft erörtert wurden. Bekannte Parlamentarier und Politiker, wie etwa Richard Crossman und Lionel Curtis, kamen als Gäste und legten ihre Auffassung zu den wichtigsten politischen Tagesproblemen dar. Besonders war es die jetzt viel erörterte Forderung nach engerer Bindung Großbritanniens an ein vereinigtes Europa, die die Ausführungen von Curris und Crossman, aber auch schon die wissenschaftlichen Vorträge von Barraclough und Wheare beherrschte. Im allgemeinen überwogen, besonders mit Rücksicht auf die Ansprüche des Commonwealth, die Bedenken gegenüber einer straffen Einigung des Erdteils.

Auch die politischen und sozialen Umwandlung gen durch die Labour-Regierung kamen in entscheidenden Punkten zu Wort. Sowohl in den energisch zugespitzten Ausführungen Crossmans über die Differenzen konservativer und sozialistischen Politik als auch in S. H. Woods Überblick über die Umwandlung der englischen Nationalerziehung seit 1944, die eine höhere Schulbildung aller englischen Bürger obligatorisch macht, wurde deutlich, wie sehr die Tendenz zum levelling zum sozialen Ausgleich und ebenso zur wirtschaftlichen Planung auch das konservative Denken schon beeinflußt hat. Angesichts dieser Entwicklung wurde im deutschen Zuhörer die historisch und politisch gleich bedeutungsvolle Frage lebendig, ob nicht in unseren Tagen England im Begriff ist, wesentliche Forderungen einer künftigen sozialistischen Menschheitsepoche vorweg zu nehmen und mit seinen überlieferten Formen und Idealen zu verschmelzen – ganz wie es im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert schon einige entscheidende Forderungen des bürgerlichen Zeitalters verwirklichte.

J. A. v. Rantzau