Vor Hamburgs Hochhäusern am Grindel, den modernsten Wohnblocks der Bundesrepublik, stehen Möbelwagen. Was aus ihren Bäuchen bis in das vierzehnte Stockwerk geschleppt wird – stattliche Büfetts, respektable Kleiderschränke, gewichtige Klubgarnituren –, steht dann überdimensional in den auskalkulierten Quadratmetern der Ein-, Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Man sollte daraus das Fazit ziehen-Jeder, der das Glück hat, eine von den 250 000 Wohnungen zu erhalten, die nach dem Programm des sozialen Wohnungsbaus in diesem Jahr noch bezugsfertig sein werden, muß sich darauf gefaßt machen, daß sein altes Mobiliar (wenn er es noch besitzt) darin keinen Platz hat. Und das wird nicht nur in diesem Jahr so sein, sondern auch für lange Zeit so bleiben. Mit den Räumen wird sich auch ihre Einrichtung verkleinern müssen.

Wie das geschmackvoll, praktisch und zu erschwinglichen Preisen zu bewerkstelligen ist, zeigt eine Ausstellung, die gerade in Hamburg eröffnet wurde. Hinter dem jugendbewegten Namen „Schöner wohnen – froher leben“ verbirgt sich ein ernsthaftes Problem, dem mit dieser Schau das Sozialwerk für Wohnung und Hausrat in Baden-Baden und die Neue Gemeinschaft für Wohnkultur (der 35 Einrichtungshäuser im Bundesgebiet angehören) zu Leibe gehen wollen. Hamburg ist der Auftakt, andere Städte werden ein Gleiches tun.

Die sechs vollständig eingerichteten Wohnungen, deren Entwürfe aus Wettbewerben hervorgingen, zeigen, wie auch auf kleinstem Raum durch entsprechendes Mobiliar Bewegungsfreiheit und Gemütlichkeit geschaffen werden können. Siebzehn Quadratmeter mißt die „Ein-Mann“-Wohnung, einschließlich Wohnraum, Kochnische, Waschraum und kleinster Diele. Spontanes Urteil eines Ausgebombten: Wenn ich so viel Platz hätte... Das Geheimnis besteht im hellen Holz der Möbel (dunkle füllen den Raum mehr aus), in der geringen Tiefe der Schränke (die Kleider werden parallel zur Wand gehängt), in der Kürze der Couch (die sich nachts zu einem normalen Bett ausziehen läßt) und in der glatten, jeder unnötigen Verzierung abholden Linienführung der einzelnen Einrichtungsstücke. Das sind alte Weisheiten der Innenarchitektur, wie sie auf anderen Ausstellungen seit dem Ableben des Salons, des Eßzimmers und in vielen Fällen auch des Schlafzimmers schon immer propagiert wurden. Was bisher jedoch nicht möglich war, ist es jetzt –: alle gezeigten Muster können bereits in 35 verschiedenen Städten Westdeutschlands unter dem Namen „WK-Sozialwerk-Möbel“ gekauft werden. Wer in Hamburg erst einmal das Geld für ein Bett zusammengespart hat, später in München wohnt und nun den passenden Schrank dazu kaufen möchte, kann dort prompt bedient werden.

Wir sind bei Möbeln von der Stange angelangt. Individualisten fühlen sich dadurch bedrückt, jedoch – auch die kompletten pompösen Zimmereinrichtungen von früher waren Klischee, Da aber auf lange Zeit hinaus der Platz für Bett, Tisch und Stuhl in Deutschland schmal bemessen sein wird, müssen auch diese Gegenstände selbst schmal sein. So wird sich auch bei uns das im Ausland längst in Massenproduktion hergestellte genormte Durchschnittsmöbel einbürgern, Auch eine Norm läßt sich mit persönlichem Geschmack wandeln. schl.