Von Jan Molitor

Wenn eines Tages die Ostflüchtlinge heimkehren duften – würde dann alter Besitz aufs neue ihr Eigentum sein? Und welches Recht hätten die Siedler, die inzwischen das „bodenreformierte“ Land bestellt haben? Zur Zeit ein Thema der Phantasie! Immerhin hat sich das Oberlandesgericht Schleswig kürzlich mit einem Streitfall befassen müssen, der einen kleinen Ausblick auf Jene großen Probleme öffnet, wie sie sich ergeben könnten.

Als der Krieg zu Ende war, machten die Briten – und die Russen einen Tausch, den sie „Grenzbereinigung“ nannten. Der Krieg war Anfang Mai 1945 zu Ende, den Tausch machten sie Ende November. Sie tauschten in der Landschaft um Ratzeburg Dörfer, Äcker, Wiesen, Wälder. Aber Menschen tauschten sie nicht, diesmal nicht. Die im Osten waren, gingen weg, die im Westen saßen, blieben. „Die Grenzbereinigung“, so sagt im Ratzeburger Landratsamt ein Beamter, „geschah aus militärischen Gründen“. Der Beamte hat wenig Zeit; übrigens hat er in seiner Eigenschaft als Sachbearbeiter des „Falles Berkemeyer“ einen Prozeß verloren...

Berkemeyer, Bernhard Berkemeyer saß im November 1945 auf seinem Gutshof Groß-Thurow, einem 2000 Morgen großes Besitz, der seit 150 Jahren Eigentum seiner Familie ist. Wohlverstanden, der Krieg war zu Ende. Da erschien bei ihm der heutige Oberkreisdirektor von Ratzeburg, Raatz, Her damals schon die Geschäfte des Kreises führte, und eröffnete ihm. daß er seinen Hof verlassen müsse „In zwölf Tagen müssen Sie räumen. Nehmen Sie Ihr Vieh, Ihre Möbel, Ihre Entevorräte und räumen Sie den Hof. Wir werden bestrebt sein, die Härten auszugleichen.“

Heute sagt Bernhard Berkemeyer, dies sei unter allen Schrecknissen, die er je im Leben erfahren, der größte Schrecken gewesen Er brauchte lange, ehe er begriff, was geschehen war: die Briten und die Russen, die damals noch keine Gegner waren, hatten sich gütlich geeinigt; sie hatten getauscht. Die Kosten aber zahlten dieser german Berkemeyer und einige andere Deutsche...

Es waren Leute, die am Ostufer des Schaalsees saßen, eines sehr romantischen Binnensees südöstlich von Ratzeburg. Diese Gegend im „Lauenburgischen“ gehörte zum Lande Schleswig-Holstein und also zur britisch besetzten Zone. Man muß nämlich wissen, daß die Zonengrenze hier zunächst im Zickzack verlief. Ziemlich weit nach Westen, dicht an die schleswig-holsteinische Kreisstadt Ratzeburg heran, reichte die Grenze Mecklenburgs, während das rechte Ufer des Schaalsees – obwohl östlicher gelegen – noch zu Schleswig-Holstein gehörte. Da nun die Zufahrtsstraßen zu diesem Gebiet nördlich des Sees durch mecklenburgisches, also russisch besetztes Gebiet führten, blieb der Schaalsee selbst die einzige Verbindung. Die Engländer mußten hier Boote, Kähne, Fähren benutzen, wenn sie ihre Posten an der Zonengrenze erreichen wollten. Bernhard Berkemeyer aber und den übrigen „lauenburgischen“ Leuten hinter dem östlichen Schaalsee-Ufer war dies recht gleichgültig Sie waren froh, daß ihr Land nicht durch die Russen besetzt worden war, wie sie dies in den Tagen jenes entsetzlichen Mai gefürchtet hatten, sondern durch die Engländer, die, wie es schien, die alten Besitzverhältnisse achteten. Die Bauern bestellten ihre Äcker und fuhren im Herbst die Ernte ein. Und dann, im November, eröffneten die Engländer die Tatsache, daß sie getauscht hatten. Sie wollten nicht länger mit Booten, Kähnen, Fähren über den Schaalsee fahren. Und daß sie dies nicht wollten, darin bestanden – ein halbes Jahr nach Kriegsende! – ihre „militärischen Gründe“, von denen der Beamte im Ratzeburger Landratsamt spricht, als wär’s das Selbstverständlichste von der Welt...

Tausch und Gegentausch Die Engländer gaben den Russen neun Ortschaften, darunter Lassahn, Hakendorf, Dechow, Techin, Groß- und Klein-Thurow, darunter auch Stintenburg: Schloß und Land auf einer Insel im Schaalsee, das jenem Grafen Bernstorff gehörte, den die Nazis noch kurz vor Kriegsende in Berlin ermordet hatten. Die Russen boten dafür ein weitaus geringeres Gebiet, nämlich die am rechten Ufer des Ratzeburger Sees gelegenen Ländereien der Ortschaft Ziethen, Mechow, Bäk und Römnitz. Dieses Römnitz, etwa 1100 Morgen groß, war ehemals eine mecklenburgische Staatsdomäne. Der Pächter war gestorben. Die Pachtung – so glaubte man in der Westzone – war frei. Man gab sie, um „die Härte auszugleichen“, an Bernhard Berkemeyer, der zuvor jenes eingetauschte Gut Groß-Thurow besessen hat. Doch war die Pachtung wirklich frei? Das ist die Frage...