Den Autoren von drei neuen Büchern möchte man wünschen, daß ihre Werke in mehr als einem Dutzend Exemplaren verkauft werden. Es sind die Romane: „Der wahre Jacob“von Albin Stuebs (im Nest-Verlag, Nürnberg), „Die Haut der Maske“ von Heinrich von Tiedemann (im Hans-von-Hugo-Verlag, Hamburg) und „Nein – die Welt der Angeklagten“ von Walter Jens (im Rowohlt-Verlag, Hamburg und Stuttgart). Diese Romane sind keine Meisterwerke, aber sie sind lesenswert, Albin Stuebs, der älteste der drei genannten Autoren, hat als einziger schon einen gewissen Namen. Sein Roman schildert das Leben eines seltsamen Kauzes namens Jacob, eines Mannes, der aus dem Krieg zurückkehrt und in dem sich Naivität und Weisheit mischen. Aber leider redet Jacob ein wenig zu viel und zu unwirklich, ein bißchen „jugendbewegt“ ist er noch dazu, und man weiß nicht recht, ob die vielen schillernden Farben, die man an ihm wahrnimmt, alle echt sind. In Heinrich von Tiedemanns Buch dagegen herrscht nicht diese warme, freilich bisweilen verschwommene Atmosphäre wie bei Stuebs: eine kühle Luft umfängt den Leser dieser seltsamen Begebenheiten, die sich in einer Stadt zugetragen haben, in der vor langer Zeit einmal ein Blinder regierte und in der seitdem die Blinden für besondere Menschen gehalten werden. – Nicht nur kühl, sondern kalt ist der Roman von Walter Jens: eine faszinierende, oft sich ins Satirisch-Groteske überschlagende Reportage der endgültigen Vermassung der Menschheit in einem Zukunftsstaat.

Das Bedenklichste, das allen drei Büchern gemeinsam ist, besteht darin, daß sie in einer „Stadt hinter dem Strom“ spielen – will sagen: sie nehmen nicht unseren Alltag zum Stoff, sie erzählen keine Geschichten, sondern sie konstruieren einen Zukunftsstaat (Jens), eine weitabliegende Stadt, in der sie – getreu dem Vorbilde Kafkas – die Menschen nur mit Buchstaben bezeichnen (Tiedemann); Stuebs kommt der Wirklichkeit noch am nächsten. Aber auch die Welt seiner Begebenheiten ist von Allegorien und Phantasien durchsetzt. Alle drei reflektieren zu viel, wobei sie in die unselige Nähe der Pseudophilosophie geraten, weshalb man beim Lesen ihrer Bücher auch immer bemerken möchte: dies haben die Philosophen schon besser gesagt. (Überhaupt weiß man vom Inhalt dieser Bücher schon viel zuviel, ehe man sie durchgelesen hat.)

Alle drei Romane sind am besten, wenn in ihnen schlicht berichtet wird, denn alle drei Verfasser können erzählen. Das gilt besonders für Heinrich von Tiedemann, dessen Buch Kapitel von kriminalromanhafter Spannung enthält. (Freilich steht gerade dieser Tiedemann mit der deutschen Sprache nicht auf besonders gutem Fuße. Das beweisen unverständliche Wortgebilde wie „blasierte Strohhalme“ oder „tonlose Lieder“.) Den Büchern von Jens und Tiedemann ist außerdem gemeinsam, daß die Darstellung überall da besonders unglaubwürdig wird, wo Frauen in die Handlung eintreten. Auch hier treibt der begabte Tiedemann es am ärgsten: denn das einzige weibliche Wesen, das in seinem Roman eine Rolle spielt, ist halb mißglückte Geliebte, halb Naturmädchen und vor allen Dingen sehr, sehr „rätselhaft“. Das Wort dies jungen Rilke,daß ein Dichter von „Mädchen“ wissen muß, scheint für manche Schriftsteller keine Gültigkeit mehr zu haben.

Ob diese drei Autoren einmal versuchen, in ihren nächsten Büchern einfach nur Geschichten zu erzählen? Ob sie begreifen, daß sie in diesen drei Romanen trotz vieler schöner und packender Stellen und trotz eines ehrlichen Anliegens im ganzen den Gegenstand der Dichtung – unser tagtägliches Leben – aus den Augen verloren hatten, jenes Leben, das erlebt und beobachtet sein will, nicht aber konstruiert? Sie, die so sehr mit der Philosophie liebäugeln, sollten doch die Worte des Philosophen Dilthey berücksichtigen, nach denen es für die Philosophie „Wichtiges“ gibt, das sie nie aussagen kann. Gerade dieses „Wichtige“ aber sollten sie zu finden suchen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie dann bis zum Schreiben ihres nächsten Buches sehr lange warten müßten. P. Hühnerfeld