DIE ZEIT

Von Hans Nowak

Einhundert Jahre sind auch für ein Buch ein schönes Alter. Der Pergamentenband, von dem im folgenden die Rede ist, hatte es erreicht und überschritten, als ihm in unsern Nachkriegsjahren die Stunde des Abenteuers schlug.

Seit langem befand sich in den öffentlichen Sammlungen zu Kassel ein geistlicher Kodex, der zu den merkwürdigsten Handschriften der Welt gehörte. Die Buchgelehrten, später auch die Graphologen, kamen von weither, um ihn anzusehen, und über wenige Dokumente dieser Art ist so viel gerätselt worden wie über den Kasseler Kodex HL. Es ging dabei, genau besehen, gar nicht um den Inhalt. Ein paar Stücke aus dem Alten Testament in lateinischer Fassung, eine Predigt des Origines von Alexandrien, endlich ein lateinisches Gebet „gegen die, so widersprechen“: das und nichts anderes stand darin; und wenn es auch vor tausend Jahren geschrieben war: es gab dergleichen mehr und schöneres in Deutschland. Das Eigentümliche, ja Einzigartige aber lag an der Oberfläche. Die beiden Außenseiten des lateinischen Manuskripts waren mit einem althochdeutschen Text in karolingischen Lettern beschrieben, und dieser Text handelte nicht von geistlichen Dingen, sondern von den sehr weltlichen Umständen eines Zweikampfes. Man nahm das durch lange Zeit als Kuriosum hin, bis eines Tages Jakob Grimm, einer von den Märchenbrüdern, die Entdeckung machte, daß die durchlaufend geschriebenen Zeilen eine innere Gliederung besaßen. Sie bildeten ein Gedicht – es ist das älteste, das in deutscher Sprache auf uns gekommen ist. Mit ihm beginnt unsere Dichtung. Wir haben alle von ihm gehört. Es heißt nach seinem Helden das Hildebrandslied.

Die Fachleute zerbrachen sich den Kopf. Wie in aller Welt mochte das Fragment aus grauen Heidenzeiten auf den geistlichen Kodex gekommen sein? Wer hatte es den frommen Mönchen von Fulda zum Abschreiben aufs Pult gelegt? Denn eine Abschrift war es sicherlich, sogar die Fehler wiesen darauf hin. Man überlegte, stellte Theorien auf und sah vor lauter wissenschaftlichem Eifer das Beste nicht: den tiefen Witz, der in dem Vorgang steckte – die Schelmengeschichte, wie da vorzeiten ein Stück Heidenpoesie sich auf dem Rücken eines geistlichen Manuskripts aus der Flut dies Untergangs gerettet hatte. Welche National-Literatur in der Welt fing so an, mit einer Fabel wie aus Noahs Arche? Doch wie auch immer, es war ein Abenteuer, und das Unglück ist nur, daß es nicht bei diesem einen geblieben ist. Der Kasseler Kodex ist von seinem Aufbewahrungsort verschwunden, spurlos, bei unverletzten Schlössern, und wir wissen nur, daß er bis heute nicht zurückgekehrt ist.

Es ist der Augenblick, sich zu erinnern. Was hatte es mit dieser alten Märe, diesem Schicksalsepos aus der Zeit verschollener Wanderungen auf sich? Was stand darin? Nicht mehr, als daß ein Mann, der unter hartem Zwang, verfemt, entrechtet, enteignet seine Heimat verlassen hatte, nach zwanzig Jahren mit den Fremden, unter denen er gelebt hat, wiederkommt und an den Grenzen den Heerhaufen seiner Landsleute begegnet. ihr junger Anführer reitet ihm entgegen, Worte fliegen über das Niemandsland hin und her, und der Alte, grau und starr Gewordene, erkennt in dem Jungen seinen Sohn. Der aber glaubt ihm nicht, hält alles, was der Fremde sagt, für List und Lüge, verhöhnt ihm seine Zeichen, seine Freunde, seine Parolen und zwingt ihn endlich zum Kampf auf Leben und Tod. An dieser Stelle bricht die Erzählung ab, doch der Ausgang ist nicht fraglich. Die Alten kennen kein happy end. Hildebrand wird seinen Sohn erschlagen.

Warum rührt uns das heute so eigentümlich an? Die Formen des Lebens und die Formen des Dichtens haben sich in anderthalb Jahrtausenden verändert, doch die Konflikte, in denen Menschen einander begegnen, sind die gleichen geblieben. Das Lied von Hildebrand sagt uns nichts Fremdes mehr. Es ist die Saga von dem Ausgetriebenen, der eines Tages wiederkehrt, um sich sein Recht zu holen es ist die Saga von Vater und Sohn, die nach einem Abgrund von Zeit einander „an den Grenzen“ begegnen und sich mit Worten nicht mehr – verständigen können, weil der Haß gegen die Sinnbilder, die Symbole, die heiligen Zeichen des andern ihnen die Ohren taub macht-Wer wollte sagen: diese Geschichte geschah nicht heute und wird nicht morgen und nie mehr geschehen?

Die großen Dichtungen der Welt haben eine lange Geduld Sie können warten, ein Weltalter lang ruhen; und einmal, plötzlich, springen die Siegel auf und sie sind wahr und gültig wie am ersten Tag.