Von Walter Fredericia

Jean-Paul Sartre, der französische Autor, ist eine irritierende Figur, ein Hecht im Karpfenteich der Selbstgerechtigkeiten, ein aufstörendes Element. Er hat schon viel Ärgernis erregt und macht es seiner Mitwelt nicht bequem. Wo ist der Kern dieser philosophierenden, dramatischen, erzählenden, politische Programme verkündenden Produktion? Die Gestalt scheint zu irisieren. Die Ausführungen unseres Mitarbeiters rühren an einen Nerv dieser Problematik, ohne die Gesamterscheinung erschöpfend zu analysieren. Wir haben darum vor, das Gespräch über diese faszinierende Erscheinung fortzusetzen, deren Vermittlung an deutsche Leser sich der Rowohlt-Verlag zur wesentlichen Aufgabe gemacht hat.

Der philosophierende Dichter ist uns geläufig, sogar verlangen wir von den Dichtern, die wir schätzen, einen gewissen Aufwand an Philosophie. Vielleicht spricht aus diesem Verlangen eine Art von intellektueller Verdorbenheit. Denn in Wirklichkeit ist es nicht die Aufgabe des Dichters, Thesen zu formulieren und Dinge wie Verhältnisse zu analysieren. Die Verwandtschaft zwischen dem Dichter und dem Philosophen liegt nicht darin, daß sie beide philosophieren, sondern darin, daß sie beide das Leben und die Welt darstellen. Der Dichter in der Synthese, indem er erzählt, was so ist und, unter dem von ihm gegebenen Voraussetzungen von Umständen und Charakteren, immer so sein muß. Der Philosoph in der Analyse, indem er dieselben Objekte im Abstrakten ergründet und so seinerseits feststellt, was ist und immer so sein muß. Es ist also nicht so ganz natürlich, wenn wir im Kunstwerk des Dichters nach philosophischen Pointen suchen. Dennoch: Wenn Schiller seinen Wallenstein sagen läßt „Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit“ –, dann gibt uns diese strahlende philosophische Formulierung sehr viel, sie umfaßt in neun Worten eine ganze Philosophie.

Wie steht es aber um den dichtenden Philosophen? Er macht etwas ganz anderes als der philosophierende Dichter. Dieser hat seine Charaktere und seine (aus ihnen und den dazu erfundenen Umständen folgende) Handlung und läßt jetzt seine Personen, wann immer es zu ihnen und zur Handlung paßt, eine philosophische Pointe sagen. Der dichtende Philosoph dagegen ist in die Lage versetzt, seine Charaktere und deren Handlungen seiner Philosophie anzupassen. Das ist seine Schwäche. Seine Personen tragen eine Vorbelastung: sie sind zunächst nicht Personen aus dem Leben, sondern aus der Theorie. Da sie aber einen Charakter haben müssen – auch eine Philosophie, die den Charakter leugnet, kann keinen Menschen ohne Charakter auf die Bühne stellen, weil es das nicht gibt – so wird die Handlung alsbald vom Autor und seiner Philosophie unabhängig. Paßt er sie aber seiner Philosophie dennoch an, so muß sie dem Zuschauer unverständlich werden, insofern diese Philosophie fehlerhaft ist. Daraus sieht man schon, daß sich aus den hier angedeuteten Relationen Schlüsse auf die Gültigkeit einer Philosophie ziehen lassen. Es wäre gut, wenn alle Philosophen Romane und Theaterstücke geschrieben hätten; dann könnte man um so leichter ihre Philosophie überprüfen. Denn in philosophischen Abhandlungen kann man zwar sich dunkel ausdrücken, nicht aber in Theaterstücken.

Der weitaus bedeutendste dichtende Philosoph unserer Zeit ist ohne Frage Jean Paul Sartre. Sartre schreibt gute, sehr gute Stücke und Romane. Im Grunde aber ist er Philosoph. Seine Stücke und Romane wollten existentialistisch sein. Er sagt das auch selbst. Sartre ist keineswegs Philosoph im Nebenberuf, sondern er dichtet, um in der Dichtung synthetisch zu verwirklichen, was er als Philosoph analytisch erkannt hat. Daher werden bei Sartre die Dichtungen unmittelbar zum Prüfstein seiner Philosophie. Wenn nämlich Sartres Dichtungen gut sind, das heißt echtes Leben widerspiegeln, und wenn sie gleichzeitig der Sartreschen Philosophie entsprechen, muß diese Philosophie richtig sein, wobei es sich in einer solchen Konfrontierung zu allererst nur um die praktische Philosophie, um die Ethik handeln kann. Man könnte allerdings hier gleich sagen: wenn die Sartresche Philosophie in ihren ethischen Aspekten richtig ist, dann müßte seit jeher jedes echte Werk der Dichter existentialistisch gewesen sein, denn der Mensch würde ein anderes gar nicht verstehen, gar nicht für „gut“ (im Sinne von richtig und glaubwürdig) halten können. Doch ist es verfrüht, solche Feststellungen zu treffen. Schon deshalb, weil die Gefahr besteht, daß die temperamentvollen Anhänger Sartres diesen Einwand durch Inbesitznahme der ganzen Weltliteratur beantworten und Männer wie Sophokles, Shakespeare, Schiller und Calderon als unbewußte Existentialisten deklarieren. Vielmehr muß man sich zunächst klarmachen, wie es um die Sartresche Ethik steht. Aus den Sätzen: es gibt keinen anderen Gesetzgeber als den Menschen, der Mensch ist nichts anderes als die Gesamtheit seiner Handlungen, es gibt keine allgemeine Moral, der Mensch schafft sich, indem er seine Moral wählt – scheint deutlich hervorzugehen, daß Sartre den Tatbestand der Moral leugnet, die ja, so wie wir sie aus der inneren und äußeren Erfahrung kennen, niemals auf das Subjekt, sondern immer auf den anderen Menschen Bezug hat. Daran ändert es nichts, wenn er sagt, die moralische Beurteilung einer Handlung hänge davon ab, ob diese Handlung im Namen der „Freiheit“ erfolgt; denn Mord im Namen der „Freiheit“ bleibt Mord und unterliegt der moralischen Verurteilung. Man kann also sagen, daß im Weltbild Sartres die Moral – oder was der gewöhnliche (nichtexistentialistische) Mensch unter Moral versteht – nicht vorkommt. Da seine Stücke und Romane, wie gesagt, gut, also richtig und für Leser Und Zuschauer verständlich sind, so bleibt noch zu prüfen übrig, ob sie der Sartreschen Haltung zum Problem der Moral entsprechen. Das heißt, es bleibt zu prüfen, ob in ihnen die Moral ebenso nicht vorkommt wie im theoretischen Weltbild Sartres. Dazu nehmen wir den Roman „Zeit der Reife“ (nun deutsch von H. G. Brenner, bei Rowohlt, 10,50 DM) nicht weil er besonders geeignet, sondern weil er der letzte in Deutschland erschienene Sartre ist. (Unter Moral wird hier immer allgemeine Moral, nicht Sexualmoral verstanden.)

Der Philosophielehrer Mathieu, Mitte dreißig, Existentialist seiner Weltanschauung nach, erfährt von seinerlangjährigen Geliebten Marcelle, die er nicht liebt, an die er aber gewöhnt ist, daß sie schwanger ist. Er denkt zunächst nicht daran, sie zu heiraten, sondern schlägt ihr vor, die Schwangerschaft unterbrechen zu lassen. Das lostet Geld, und die Jagd nach den 5000 Francs, die er zuletzt stiehlt, um sie dann doch nicht zu brauchen, ist das Gerippe der Handlung. Die Hauptkomplikation ist, daß Mathieu gleichzeitig in eine junge Studentin verliebt ist, die mit seiner Jagd nach dem Geld immer wieder in Berührung kommt und die er dadurch verliert. Zuletzt tritt an Mann auf, Daniel, ein Homosexueller, der Mathieu haßt, ihm das Geld verweigert hat, und der sich jetzt plötzlich erbötig macht, Marcelle zu heiraten, ja mit ihr schon einig ist. „Viel Lärm im nichts“ sagt Mathieu zum Schluß voller Ekel vor sich selbst. – Der Roman ist als Kunstwerk hervorragend, das bedeutet also: echt und glaubwürdig.

Sartre, seiner Philosophie zuliebe, bemüht sich, die Hauptcharaktere als amoralisch zu zeichnen. Selbst die einzige moralische Handlung, die vorkommt, nämlich das Angebot Daniels, Marcelle zu heiraten, hat nicht Moral zur Grundlage, sondern den verzweifelten Wunsch des Homosexuellen, einer Abwegigkeit zu entfliehen. Aber Sartre kann den Leser nicht verhindern, sich jederzeit bewußt zu sein, daß all das Gerede von der „Freiheit“ nur an der Oberfläche ist, daß die handelnden Personen in jedem Augenblick wissen – und sich durch jenes Gerede darüber hinwegzubringen suchen –, daß sie unmoralisch handeln und anders handeln sollten, ja daß der Ekel vor sich selbst, den sie alle empfinden, nichts anderes ist, als die Kundgebung der Moral im Selbstbewußtsein. Mit andern Worten: bei aller Amoralität von Personen und Handlung werden dennoch Licht und Schatten nicht nach den Sartreschen Grundsätzen der „Freiheit“, sondern nach in Erfordernissen der Moral verteilt: Sartre kann aus dem Gehäuse der Moral nicht heraus. Und würde er, in einer synthetischen Darstellung, wie in einem Roman, dieses Gehäuse sprengen, dann würde der Roman gänzlich unverständlich, werden, niemand könnte ihn mehr gut oder glaubwürdig finden. Es wird nämlich die Moral Acht dadurch aufgehoben, daß unmoralisch gehandelt wird; sie wäre es auch nicht, wenn nur unmoralisch gehandelt würde auf der Welt, sondern sie wäre nur dadurch aufgehoben, daß sich dagegen kein innerer Widerspruch im Selbstbewußtsein mehr ankündigte. Daher nützt es Sartre nichts, ein ganze Anzahl von amoralischen Personen, das heißt solchen, die ohne moralische Rücksichten handeln, in seinem Roman zu versammeln. Dadurch erreicht er nur, daß der Leser das ganze Milieu des Romans als verkommen, ansieht, also gerade wieder ein moralisches Urteil fällt. Und niemals wird es möglich sein, den Leser selbst in diesem Milieu aufgehen zu lassen, ihn zu überzeugen, daß dieses Milieu die eigentliche und allgemeine Wirklichkeit sei. Denn es ist nicht die allgemeine Wirklichkeit, und der Leser stellt das im Gedankenexperiment in jedem Augenblick fest. Selbst wenn ein Dichter-Philosoph einen Sadisten auf die Bühne stellte, der eine Masochistin unter beiderseitigen Wonnekundgebungen, zuletzt totschlüge, so wäre damit die Moral keineswegs aufgehoben. Sie wäre es erst dann, wenn die Zuschauer hinterher befriedigt nach Hausegingen undsagten: „Welch schönes Happy-End, so sollte es jeder machen!“ Es mag nämlich verhältnismäßig leicht sein, Gott zu leugnen, – die Moral zu leugnen ist schwer. Und schwer ist es auch, die „Freiheit“, über die sich in philosophischen Abhandlungen so trefflich argumentieren läßt, in einem Kunstwerk zum Leben zu bringen. Bei Sartre jedenfalls – und deshalb sind ja seine Theaterstücke und Romane gerade gut und lebensecht – handeln die Personen durchwegs gemäß ihren Charakteren, ihre Handlungen sind also streng determiniert, nicht „frei“, und die „Freiheit“ kommt nur in den Dialogen vor.