Der Flieger Carl Crawford habe einen neuen, bemerkenswerten Weltrekord im Looping-Drehen aufgestellt, so wird aus Texas gemeldet. Er flog in fünf Stunden und 43 Minuten nicht weniger als 1874 Loopings, das sind etwa 300 Loopings pro Stunde, das sind rund fünf Loopings pro Minute. Der Flieger Carl Crawford ist daraufhin sehr gefeiert worden, denn in Amerika, wo die Begeisterung fürs Fliegen der Schuljugend nicht verboten ist, weiß jedes Kind, was ein Looping bedeutet. Man „zieht“ die Maschine hoch, man „überzieht“ sie, das Flugzeug „macht Männchen“, gerät in die Rückenlage, man „fängt“ die „Kiste“ dann wieder auf. Das Ganze sieht aus, als wollte das Flugzeug sich selbst in den Schwanz beißen; es sieht viel großartiger aus, als es ist. Hat man den Trick einmal heraus, so ist’s ein Kinderspiel: Die Zahl der Loopings, sie ist erstaunlich.

Wer erinnert sich noch ans „Brötchenbacken“? Ein Kind setzt sich auf den einen Holmen des Barrens, die Hände auf den anderen Holmen gestützt. Jetzt gibt das Kind sich einen Ruck, so daß es mit dem Bauch auf den vorderen Holmen zwischen seine Hände fliegt; ein neuer Ruck, schon sitzt das liebe Kind wieder auf dem anderen Holm; schon wieder ist „Brötchen“ voll und rund gebacken. So hin und her. Sieht großartig aus und ist ganz leicht. Nicht selten, daß ein tüchtiges Kind fünfzig Brötchen bäckt oder gar mehr. Auf die Quantität nämlich kommt es an, beim „Brötchenbacken“ wie beim Rekord im Looping-Drehen. Die Menge macht’s und die Geschwindigkeit, und das läßt tief blicken ...

In Düsseldorf hat neulich einer einen Dauerrekord im Klavierspielen aufgestellt. Er spielte, spielte. Es kam ihm nicht auf die Qualität, es kam ihm auf die Quantität der gespielten Töne an. Die Leute staunten, und der Rundfunk übertrug die letzten Klänge kurz vorm Zusammenbruch. Dieser Zusammenbruch war zugleich eine kulturelle Niederlage. Der Mann in Texas aber, der aufstieg, um stundenlang nichts als Loopings zu drehen, und der heute sehr angestaunt wird, weil ihm fünf Loopings per Minute gelangen, hat etwas Ähnliches geleistet wie der Düsseldorfer Langstrecken-Pianist: er hat den Sport wie jener die Musik blamiert. Denn beiden, dem Piloten wie dem Pianisten, hat nicht der Verstand, hat nicht der wahre, begeisternde innere Schwung, sondern das Sitzfleisch zum Siegen verhelfen. Wer aber – sei es zu Lande oder in der Luft – seine Siege sich ersitzt – bis zum Zusammenbruch der Kräfte – und dabei weder den Sitz der Seele noch des Verstandes in Anspruch genommen hat, dürfte des Ruhmes nicht würdig sein, den er dennoch errang.

Man verwechselt heute – so scheint es – leicht das geistige Gewicht verschiedener Körperteile... M.