Auf die Auseinandersetzung um das Schicksal von Triest, die vor kurzem unter der Protektion der Westmächte zwischen Italien und Jugoslawien in Gang gekommen war, ist ein schwerer Schatten gefallen: Während man in den westlichen Hauptstädten offenbar glaubte, es handele sich in der Triester Frage nur darum, zwischen Italien und Jugoslawien einen Ausgleich zu finden, hat jetzt die Sowjetunion in einer scharfen Note, die den drei West-Botschaftern in Moskau überreicht wurde, höchst unsanft auf Ihre eigenen Interessen an dem Triester Problem aufmerksam gemacht. In ihrer Note fordert sie, ohne sich um die jugoslawischen und italienischen Gesichtspunkte zu kümmern, die Westmächte auf, den legalen, im-italienischen Friedensvertrag vorgesehenen Status in Triest herzustellen, das heißt für die Ernennung eines Gouverneurs zu sorgen, die Zonen A und B von denen die erste von Engländern und Amerikanern, die zweite von den Jugoslawen besetzt ist, zu räumen und so für die Errichtung des Freistaates Triest zu sorgen.

Diese Forderungen der Sowjetunion haben zunächst einen starken Anschein der Berechtigung für sich. Denn es ist offensichtlich, daß der heutige Zustand in Triest dem italienischen Friedensvertrag durchaus nicht entspricht, dessen Signatare nicht nur Italien und Jugoslawien, sondern auch die Sowjetunion und die Westmächte sind. Ebenso offensichtlich ist aber, daß für das Scheitern des Triester Statuts nicht allein die Westmächte, sondern sie und die Sowjetunion gemeinsam verantwortlich sind. Der Unterzeichnung des Friedensvertrages folgten vor zweieinhalb Jahren mehrere Versuche, einen Gouverneur für Triest zu ernennen. Allein die Beziehungen zwischen West und Ost waren damals bereits so schlecht, daß über die Person des Gouverneurs keine Einigung erzielbar war. Die Sowjetunion, die ihrerseits nicht bereit war, einen Kandidaten der Westmächte zu akzeptieren, kann heute ihre Verantwortung nicht mit der Behauptung abwälzen, daß die Westmächte nur einen ihrer Kandidaten hätten anzunehmen brauchen, um das Triester Statut in Funktion zu bringen, dessen Kernpunkt eben gerade die Ernennung des Gouverneurs durch den Sicherheitsrat der UNO ist. Auch kann die Sowjetnote nicht darüber täuschen, daß das Stocken der Triester Prozedur nur ein kleiner Teilausschnitt aus der Erstarrung fast aller politischen Probleme in Europa ist, für deren Lösung einstimmigeBeschlüsse der Großmächte vorgesehen oder notwendig sind. Daher kann der Sowjetunion der Vorwurf, den sie in der Triester Frage erhebt, in zahllosen anderen Fragen zurückgegeben werden. Man denke nur im Österreich! Ist das Moskauer Abkommen von 1943, in dem sich die Sowjetunion wie England und die USA zur Wiederherstellung der österreichischen Unabhängigkeit verpflichtet haben, weniger ein Vertrag als das Triester Statut?

Man wird sich fragen, was die Sowjetpolitik mit ihrer Note, welche die Situation im östlichen Mittelmeer so sehr dramatisiert hat, sachlich zu erreichen beabsichtigt. An sich besteht ein; große Wahrscheinlichkeit, daß die Westmächte eine abweisende Antwort geben werden und daß hierauf alles beim alten bleiben wird. Immerhin könnte die Sowjetunion ihre Zustimmung zu einer von Italien und Jugoslawien ausgehandelten Lösung in einerallgemeinen europäischen Regelung zu einem Handelsobjekt machen. Da aber zur Zeit an eine solche Regelung kaum zu denken ist, wird es sich bei dem Sowjetvorstoß eher um einen Schachzug im „Kalten Kriege“ handeln. Ei mögen der Wahrheit am nächsten die hier und da ausgesprochenen Vermutungen kommen, daß der Kreml durch diese betonte Demonstration an der Adria die Lage seines kleinen albanischen Satelliten zu erleichtern trachtet, der im %Anbick der beginnenden Annäherung zwischen Belgrad und Athen und des Versuchs einer Verständigung über die Machtverhältnisse an der nördlichen Adria in eine ausweglose Sackgasse zu geraten droht. H. A,