Es wirkte einigermaßen überraschend, als der französische Hohe Kommissar François-Poncet in seinem Antwortbrief an Adenauer um Ostern die Kontrollbereiche über die deutsche Stahlindustrie wesentlich weiter faßte, als man bisher glaubte annehmen zu können. In dem Anhang zu seinem Brief wird die Lizenzpflicht vom Erz bis zur ersten Stufe der Verarbeitung angekündigt. Daß die Stahlerzeugung kontingentiert und kontrolliert wird, ist nichts Neues. Daß jetzt auch Roheisen und die Verarbeitung einbegriffen wird, erscheint uns eine Ausweitung, über die wohl noch nicht alle unterschiedlichen Auffassungen auf einen Nenner gebracht worden, sind.

Der Brief des französischen Hohen Kommissars ist zu einem Zeitpunkt geschrieben worden, in dem alle irgendwie in Frage kommenden deutschen Werke der Eisen- und Stahlindustrie (mit kurzfristigen Terminen) den Befehl zur Ausfüllung eines Fragebogens über rund 1500 Fragen von der Combined Steel Group erhalten hatten. Dieser „Kapazitäts“-Fragebogen trägt das alliierte Datum vom Dezember 1949, wurde im März den deutschen Stahltreuhändern in Englisch mit dem Befehl der Weiterleitung zugestellt und sollte inzwischen bereits beantwortet sein. Von rund 40 bis 50 Werken hatten bis zum vergangenen Wochenende vier Werke den Befehl durchgeführt. Dieser Fragebogen muß zehnfach in Englisch und sechsfach in Deutsch ausgefüllt werden und hat einen Umfang von 82 Seiten.

Wir haben einige Stunden durch dieses Buch geblättert, dessen Titel nur teilweise seinem Inhalt entspricht. Es heißt: Kapazität-Fragebogen; er ist aber viel mehr; er verlangt nämlich geradezu eine Reihenröntgenuntersuchung der gesamten Roheisen- und Stahlwerke, der Gießereien, Schmiedewerke und Walzwerke einschließlich der Stabeisenbetriebe, der Blech-, Draht-, Röhren-, Kaltwalzanlngen und der Zierereien. Der Röntgenblick von mehr als 1000 Fragen überschreitet dabei die Grenzen des Interesses an der Kapazität und begibt sich in die betriebstechnische und betriebswirtschaftliche Sphäre, um einen totalen Überblick über die Mittel. Wege und Betriebsvorgänge der deutschen Qualitätsarbeit und Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Luftbilder, Zeichnungen des Produktionsflusses, Darstellung der Lage der einzelnen Betriebspunkte zueinander sollen die Antworten, die nur der Kaufmann und der Techniker auf die Fragen geben kann, ergänzen.

Uns scheint, daß über diesem Fragebogen mehr der Morgenthau der Maientage des Kapitulationsjahres 1945 gelegen hat als das Bedürfnis militärischer Sicherheit. Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten der Beantwortung wird die Combined Steel Group, die in immer kürzeren Abständen Stahltreuhänder und Werke zur Beantwortung drängt, es verstehen müssen, daß die deutschen Betriebe diesen Fragebogen als überspannt empfinden. Peinlich berührt es, daß das Bundeswirtschaftsministerium erst aus der deutschen Industrie von dieser statistischen Attacke unterrichtet worden war. Die erste Reaktion erinnerte folglich inoffiziell daran, daß nach einer von den Hohen Kommissaren bisher nicht bestrittenen Verfügung des BWM keine deutsche Stelle und kein deutscher Betrieb ohne Genehmigung des BWM an alliierte Instanzen statistische Beantwortungen abgeben darf.

Bisher ist noch nicht erkenntlich gewesen, wer die Fragen gestellt hat. Das Einziehen der Antworten besorgt die Produktionsabteilung der Alliierten Stahlkontrolle in Düsseldorf und nicht etwa, wofür wir Verständnis hätten, das Security Board. Haben die Regierungen oder haben Sheffield, Le Creusot-Hayange oder Detroit die Bündelung der Fragen auf der qualitätstechnischen und qualitätswirtschaftlichen Seite veranlaßt? Die Werke wissen nicht, wie die Mitteilungen über Energieverbrauch, Hersteller der Maschinen, Baujahre, Tag der Einrichtungen, Beschreibung der Produktionsmethoden, Beschickungsverfahren der Hochöfen, Abmessungen der Düsen, Gewichtsangaben über die Größe von Walzblöcken, Antriebsarten, Legierungen der Halbwaren, Zusammensetzung der Werkslieferungen an die Weiterverarbeitung, Verwendung der Rohmaterialien, Konstruktionen der Apparaturen und ihrer Lieferwerke, Neigungswinkel von Abflußringen und so weiter die Sicherheit Westeuropas gewährleisten könnten.

Zugegeben, daß vielen Betrieben an Hand dieser 1500 Fragen die Möglichkeit einer vorzüglichen betriebstechnischen und betriebswirtschaftlichen Durchleuchtung zu eigenem Nutzen gegeben wird. Insofern dienen diese Fragen vielleicht dem im Potsdamer Abkommen vom August 1945 verkündeten Ziel, die Wirtschaftlichkeit der deutschen Industrie zu heben. Unsere Werke wären aber auch glücklich, gleiche qualitätswirtschaftliche Fragen von ihren Konkurrenten im Ausland beantwortet zu erhalten. Das Bedürfnis, eine Kontrolle zur militärischen Sicherheit auszuüben, scheint überschritten. die Umgehung der Bundesregierung wirkt nicht fair, und wir meinen, daß, im Interesse einer ersprießlichen internationalen Zusammenarbeit, der Petersberg mit Bonn über eine Demontage von rund 500 bis 1000 Fragen verhandeln sollte. Der französische Hohe Kommissar hat von sich aus schon mitgeteilt, daß das militärische Sicherheitsamt beauftragt worden ist, gesetzgeberische Maßnahmen zur Durchführung einer Kontrolle vom Erz bis zur Halbware auszuarbeiten. Liegt hier nicht eine Überschneidung vor oder eine unbewußte Doppelgleisigkeit von Militärs und Privatindustrie?

Die Inflation der Fragebogenära bedarf einer drastischen Notbremse. Schon kündigt die Stahlkommission der OEEC in Genf ihren Plan an, ein vierteljährliches Stahlbulletin einzurichten. Das wäre wieder etwas Neues. Irgendwo aber müssen die Interessenkriege einmal aufhören und den positiven Kräften endlich das Tätigkeitsfeld lassen, Rlt.