Von unserem Berliner K.W.-Korrespondenten

Berlin, Ende April

Diesseits und jenseits des Brandenburger Tore wird gebuddelt, werden Fahnenmasten aufgerichtet, wachsen Tribünen, werden Lautsprecheranlagen geprobt: alles für den 1. Mai. Einstweilen weht zwar nur eine Flagge auf dem Tore selbst: sie ist rot und gehört dem sowjetischen Sieger von 1945. Nachdem er sie vor fünf Jahren auf das Tor gepflanzt hatte, wurde sie nur einmal heruntergeholt –: an jenem denkwürdigen 9. September 1948, in der tiefsten (Blockade, als die Berliner Bevölkerung sich heißblütig gegen die sowjetische Bedrohung empörte. Danach ist in die Nähe des Brandenburger Tors auf der westlichen Seite keine Kundgebung mehr angesetzt und genehmigt worden. Aber am 1. Mai wird es an dieser Stelle zum ersten Male wieder eine Kundgebung geben, zur gleichen Stunde, da hinter dem Brandenburger Tor die SED im Lustgarten ihren Mai-Aufmarsch vorbereitet. Drei Redner sind für diese Versammlung vor der ehemaligen Krolloper vorgesehen? der Bundesratspräsident Arnold, der amerikanische Gewerkschaftssekretär Irving Brown und der Berliner Oberbürgermeister Reuter.

Berlin, Deutschland, die Welt –: dies ist der politische Dreiklang, der dem Westberliner 1. Mai zugrunde gelegt ist; er klingt an Stelle von Mailosungen auf, die in diesem Jahr 60 Jahre alt werden und die aus der Frühzeit der sozialistischen Arbeiterbewegung stammen. Alle Parteien – natürlich mit Ausnahme der SED – die Gewerkschaften, die Hochschulen, alle kulturellen und sozialen Organisationen, der Magistrat und das Stadtoarlament werden die Veranstalter sein. Und es steht außer Frage, daß der 1. Mai westlich des Brandenburger Tors nicht den Charakter einer sozialistischen Kampfkundgebung trafen wird. „Friede in Freiheit“ heißt das Stichwort der Kundgebung, und was mit Freiheit gemeint ist, ergibt sich aus der weitbekannten politischen Position, die die Stadt Berlin gegenüber dem Osten einnimmt. Gewiß, die Mißklänge, die sich im Anschluß an Adenauers Hymnen-Vorstoß im Berliner Titaniapalast ergeben haben, deckten die Unterschiede auch der Berliner Parteien kräftig auf; dennoch wird die Berliner Mai-Veranstaltung zeigen, worin sich alle einig sind: sie wird eine Kundgebung für die Freiheit schlechthin sein, und dafür einzutreten hat gerade Berlin Grund, Erfahrung und Berechtigung.

Die Gegenkundgebung hinter dem Brandenburger Tor meint allerdings die Glorifizierung des Sowjetsystems. Dorthin werden alle sowjetisch gelenkten Parteien zum Aufmarsch beordert, auch das usurpierte Schwarz-Rot-Gold wird über die Tribünenränge gezogen werden. Die ausländischen Abgesandten, die die Grotewohl-Regierung für diesen Zweck erwartet, sind durchweg Kommunisten aus den Ländern der „Volksdemokratie“, einschließlich der Sowjetun on. Und in den 57 Losunger zum 1. Mai, die die SED nach dem Muster der russischen KP herausgegeben hat, werden alle Agitationsregister der sowjetischen Weltpolitik gezogen. In Nr. 1 heißt es zwar noch in zeitgemäßer Variante: „Es lebe der l. Mai, der internationale Kampftag aller Werktätigen für Frieden und Demokratie, nationale Unabhängigkeit und Sozialismus“. Nr. 4 fordert aber schon: „Jeder Deutsche bekenne sich zum Programm der Nationalen Front des demokratischen Deutschland“, während Nr. 6 gleich zu diesem Hymnus verpflichtet: Ruhm und Dank dem großen Stalin, dem Führer und Lehrer aller Werktätigen im Kampf um Frieden, Demokratie und Sozialismus“. Nr. 10 hingegen hat folgende „sozialistische“ Note: „Die Oder-Neiße-Linie ist die Friedensgrenze.“ Nr. 19 fordert die Deutschen in Westdeutschland auf, „sich zum Kampf gegen die imperialistische Fremdherrschaft und die Bonner Marionetten zu vereinigen“. Für Berlin wird in Nr. 25 folgendes Rezept serviert: „Legt den Kriegshetzern in Berlin-West das Handwerk, dann gibt es Ruhe, Arbeit und Ordnung in Deutschlands Hauptstadt.“ Und das Ganze endet dann pathetisch mit Nr. 57: „Unter dem Banner von Marx, Engels, Lenin und Stalin vorwärts zu neuen Siegen im Kampf um Frieden, Demokratie und Sozialismus.“ Das äußere Bild im Osten Berlins wird im übrigen sein wie zu Nazi-Zeiten: Zwangsweise nach den Betrieben und Wohnblocks geordnet, werden die Massen in den Lustgarten gelenkt, wo sie zusammen mit den Kadern der Volkspolizei die Kulisse für einen Tag zu bilden haben, der einmal das Recht der Unterdrückten auf menschliche und soziale Freiheit forderte. Währenddessen hat die große geschichtliche Veränderung es mit sich gebracht, daß, nur ein paar hundert Meter davon entfernt, nicht mehr bloß eine Klasse, sondern eine ganze Stadt mit all ihren politischen und sozialen Schichten für diese elementaren Menschenrechte gegen die zur Klassenherrschaft gewordenen Usurpatoren demonstrieren wird.