Von Joe J. Heydecker

Stockholm, Ende April

Zwei säbelbewehrte und goldknopfverzierte Polizisten reihen am Bahnhof von Stockholm die ankommenden Reisenden zu einer Schlange auf. Denn Schweden ist ein geordnetes Staatswesen. Und in einem geordneten Staatswesen kann nicht jeder zum Taxi eilen, wie es ihm gefällt. Ja, in Stockholm tritt Schwedens Ordnungssinn konzentriert zutage. Alles und jedes kommt hier in Ordnung. Man wartet in Ordnung auf Taxi, Ordnung. und Straßenbahn, und wenn der Schaffner das „Besetzt“-Zeichen gibt, versucht niemand, sich noch weiterhin vorzudrängen. In der Straßenbahn zahlt man am rückwärtigen Eingang und steigt vorne aus. Das ist so selbstverständlich, als sei es ein physikalilisches Gesetz. Und wenn der moderne Schwede eine Sache lobt, so sagt er wie der Berliner: „In Ordnung!“

„Ach, Sie haben sich schon Schuhe in Schweden gekauft!“ bemerkt ein liebenswürdiger Gastgeber und deutet auf die Füße des deutschen Besuchers. Das ist Anlaß zu einer Unterhaltung, die bis nach Mitternacht dauert. Denn die Schuhe sind nicht in Schweden, sondern – in Deutschland erstanden. Es sind keine Einheits-Normal-Spar-Schuhe, wie sie nach Meinung der Schweden von allen Deutschen getragen werden. Obwohl ich glaube, daß alle Welt es längst wüßte, ist meine Mitteilung doch beinahe sensationell, und verblüfft registrieren die Schweden: „Wie, in Deutschland kann man Schuhe, Kleider, Mäntel, Hüte, Lederhandschuhe, Armbanduhren, Handtaschen und gekochten Schinken in jedem Laden kaufen? Ist das wirklich wahr? In Deutschland gibt es beleuchtete Schaufenster, Lichtreklamen, reichhaltige Speisekarten, erlesene Spirituosen? Warum und wozu werden dann noch Liebesgaben-Pakete geschickt? Aber warten Sie erst, wie es in Europa aussieht, wenn die Marshall-Hilfe einmal aufhört. Alles künstlich aufgepulvert!“

Ich erzähle von den Flüchtlingen, von den Baracken, von der Not. Und dennoch komme ich mir etwas beschämt als wohlhabender Onkel bei armen Verwandten vor. Was soll ich dazu sagen, daß ich eben erfahre, in einer anderen schwedischen Familie werde gefeiert und Kuchen gebacken, weil gerade die Zuckerrationierung aufgehoben worden sei! Hunderterlei Dinge, die es in Deutschland längst frei zu kaufen gibt, sind in Schweden noch immer bewirtschaftet. Manchmal wird irgend etwas „freigegeben“: Hartgummihandgriffe für Fahrräder, elektrische Lokomotiven... „Endlich!“ jubelte eine große Zeitung glossierend, „wir wollten uns schon längst eine elektrische Lokomotive kaufen!“ Aber daß der Zucker nicht mehr rationiert ist, das ist wirklich ein Ereignis.

Selbst in der Kungsgatan, der Hauptgeschäftsstraße Stockholms, ist es schwer, jenes Maß von Luxus oder Eleganz zu finden, das nicht ebensogut auch in einer ähnlichen Straße einer westdeutschen Großstadt angetroffen werden könnte. Als deutscher Besucher hat man es schwer, ein Geschenk aufzutreiben, das in Deutschland als „Mitbringsel aus dem reichen, überquellenden Ausland“ gelten, würde. Statt dessen gibt es in den Schaufenstern noch viele Waren, die an Kriegs- und Nachkriegseinsparungen erinnern. Mit schwedischen Augen kann man das nicht feststellen. Es fällt nur dem auf, der Gelegenheit hat, zu vergleichen.

Die Reglementierung, die den Fremden schon am Bahnhof empfing, reicht tief in das gesamte Leben Schwedens hinein. Der Einheimische muß sich mit Anträgen, Gesuchen, Bewilligungen, Stempeln und Formularen aller Art herumschlagen. Der Wohlstand ist weggesteuert. Die Bauern auf den kleineren Höfen im Inneren des Landes gehen zur „kreaturlosen Wirtschaft“ über: die Ställe sind leer, weil Viehzucht im gelenkten Preisgefüge für Privatunternehmer nicht mehr rentabel ist. Landhäuser mit 16 Zimmern verfallen, der Wind bläst durch zerbrochene und nicht mehr reparierte Scheiben, während die Benicht in einer Dienstbotenstube und in der Küche hausen. Es lohnt nicht mehr. Schließlich kommt die Regierung und macht ein Schließlich daraus. In der prächtigen alten Diele werden dann Sämereien sortiert. Reichtum oder großen Wohlstand gibt es nur noch für ein paar Holz- oder Stahlmagnaten.