Immerhin baut man jetzt Wolkenkratzer in Stockholm. Sie werden nur Wohnungen enthalten. Einheitswohnungen mit Sparkomfort. Die älteren Leute können das nicht verstehen, denn sie waren große, weitläufige Räume gewohnt. Dennoch drängt sich alles nach den standardisierten Zweizimmeretablissements. Denn die Wohnungsnot ist eines der brennendsten Probleme auch in Stockholm. Zehn tausende warten seiJahren vergeblich darauf, eigene vier Wände beziehen zu können. Viele zahlen insgeheim hohe Ablösegelder, um sich die erste Anwartschaft zu sichern, wenn irgendwo jemand die Absicht hat, ins Ausland oder aufs Land zu verziehen. Aber selten hat jemand diese Absicht. Die einzige Absieht, die jedermann in Schweden zu haben scheint, ist die, nach Stockholm zu ziehen. Achtunddreißig Stockwerke sollen zwei dieser neuen Wohntürme haben. Und die Mietpreise sind bei gleichbleibenden Wohnungen nach der Höhe des Einkommens gestaffelt.

"Ich kann Sie leider nicht zu mir einladen", sagte ein schwedischer Geschäftsmann, "denn wir haben ein Dienstmädchen, und ich fürchte, es könnte kündigen." – Dienstmädchen gehören in Schweden zu den seltensten Geschöpfen. Sie kennen ihren Wert, beherrschen das Hauswesen und lieben nur in seltenen Fällen unangemeldeten Besuch, Der Hausherr setzt sich dann in einem Lokal mit seinem Gast zusammen. Ich habe von Familien gehört, die nach acht Uhr abends nur noch auf Zehenspitzen durch ihre Wohnung schleichen, um das Dienstmädchen nicht zu stören. Der Arbeitgeber ist nichts, der Arbeitnehmer alles. Daher würde es auch niemandem, in den Sinn kommen, in einem Restaurant Unwillen über langsame Bedienung zu äußern. Die Bedienung könnte sich sonst bei der Geschäftsführung über den Gast beschweren...

In einem fünf Stockwerke tiefen Schacht wird an Stockholms Untergrundbahn gebaut. Eine schwierige Sache in dieser Stadt, die mit ihrer Lage auf zahllosen Inseln manchmal an Venedig erinnert. Aber technische Triumphe erzwingen zu wollen – das ist eine schwedische Nationalschwäche. Der Straßenbahnfahrer hat Mikrophon und Lautsprecher zum Ausrufen der Stationen und kann daneben noch Lichtsignale bedienen, die das Herannahen einer Haltestelle ankünden. In kühnen Linien sind Straßen und Bahnen angelegt, sie überrunden einander an Kreuzungen in weit ausholenden Schleifen, verschwinden in Tunnels und tauchen in der Stromlinie des Verkehrs wieder auf: Perfekter Perfektionismus.

In Schweden kann man einen Koffer unbewacht auf die Straße stellen, und am nächsten Tag wird er immer noch an seinem Platz sein – das ist oft geschrieben worden. "Ich würde es Ihnen nicht raten", meint jedoch ein Einheimischer lächelnd, "das war einmal". – Es werden viele Fahrräder gestohlen. Das ist erstaunlich in einer Stadt, wo fast jeder Bürger – so sollte man meinen – ein Fahrrad schon in die Wiege gelegt bekam. Das Fahrrad ist der typische Ausdruck des schwedischen Lebensstandards. De Durchschnittsbürger verdient gut, aber er hat auch hohe Ausgaben für Miete, Kleidung und Nahrung. Im Endeffekt langt es gerade zur Nahrung. vielleicht auch zu zwei Fahrrädern zur zum beliebten Tandem.

In den Schalen ist Englisch an die Stelle des deutschen Sprachunterrichts getreten. Die ältere Generation hat kaum Englisch gelernt und das Deutsche bewußt vergessen, die junge ist kaum mit Deutschen in Berührung gekommen und hat Englisch noch nicht in sich aufgenommen. Das ist besonders schwierig, wenn man vor einer unlesbaren Speisekarte sitzt. Wer vermutet schließlich hinter Assietter Horsd’oeuvre, hinter Ost Käse und hinter Öl Bier? Man muß sehr teure Lokale aufsuchen, um der herrschenden Gewohnheit zu entgehen, daß man nicht Englisch versteht und nicht Deutsch spricht. "Zum Lowenbrau" heißt zwar noch ein Restaurant, das an frühere heißt sche Besitzer erinnert! Doch das, was man eine deutsche Kolonie nennen könnte, gibt es kaum. Während des Krieges und nach dem Waffenstillstand hat es ein paar Deutsche, meist Frauen, nach Schweden verschlagen. Vor Kriegsausbruch waren es Emigranten. Da ist zum Beispiel eine Jüdin aus Berlin, ein bißchen über zwanzig Jahre alt. Als Kind ist sie mit ihren Eltern nach Südafrika emigriert. Voriges Jahr fuhr sie zu einem Kongreß nach Malmö und besaß kein Geld mehr zur Rückreise. Einen Winter hat sie ohne Heizung überstanden. Jetzt gibt sie englischen Sprachunterricht und schreibt heimlich Gedichte – in deutsch. Vor Deutschland hat sie Angst, Sie hat Angst, es in seinem jetzigen Zustand wiederzusehen. Heute spricht dieses Mädchen Schwedisch wie eine Schwedin, so wie es gestern Englisch wie eine Südafrikanerin sprach. Und dann geschieht es, daß sie mitten in einer Diskussion über die geistigen Probleme des heutigen Deutschlands mit Selbstverständlichkeit und ganz unbetont sagt: "Ich weiß doch, wie wir Deutsche denken..."