H. S. Hongkong, Ende April

Seit Hongkong Zwischen den Fronten liegt, haben die Nationaichinesen, vom Festland verdrängt, ihre alten Gesellschaften in der britischen Kolonie verloren. Die Gesellschaften gingen zu Mao Tse-tung über, mit Bankkonten, gefüllten Safes und allen Lagerbeständen. Es gab Prozesse vor dem englischen Hohen Gericht: Wem sollten die Bestände gehören? Das Gericht entschied: Der wahre Vertreter Chinas sei Mao Tse-tung. Großbritannien im fernen Europa hatte ihn ja längst anerkannt. So suchten und fanden, die Nationalchinesen neue Einkaufshäuser für Tschiang Kaischeks Restdivisionen auf Formosa (dreihunderttausend Mann), für seine evakuierten Regierungsbeamten mit ihren Familien (hunderttausend Menschen) und die ersatzteilhungrige Zucker-, Kampfer- und Kleinindustrie auf der Rettungsinsel. Und so herrscht emsiges Treiben in den neuen nationalen Büros auf der Pedder und Ice House Street. Europäer und Rotchinesen verkaufen hier bereitwillig, selbstverständlich gegen Vorauskasse. Für den Abtransport tragen die Nationalchinesen selbst die Sorge.

Hongkong setzte im vergangenen Jahr für vier Milliarden HK-Dollar Waren um. An die achtzig Dampfer liegen tagaus, tagein an den Kais. Und im eisgekühlten Gloucester-Hotel sitzen an den verchromten Marmortischen die chinesischen Zwischenmänner, go betweens, dick, satt und selbstherrlich, bei denen man alles kaufen kann, auch „sichere Passagen nach allen Teilen der Welt“. Die meisten von ihnen waren einst Angehörige der nationalchinesischen Armee. Mit Verachtung scharen diese gelben Desperados jetzt auf ihre weniger smarten zweitausend schwerbeschädigten Kameraden, die heute im Dung-Wah-Hospital untergebracht sind, blind, taub, verkrüppelt? in zerschlissenen, olivgrünen nationalen Uniformen: die leben von der Güte weißer und gelber Geschäftsleute, die am fünfjährigen chinesischen Bürgerkrieg soviel verdient haben, daß sie die kleine Spende über das Spesenkonto sorgenlos abbuchen können.

Auch die großen, öffentlichen Gesellschaften Hongkongs entwickeln überraschende Großzügigkeit. Wohin mit dem am Kriege verdienten Geld? So baut man Häuser für chinesische Angestellte und Arbeiter, praktiziert „Sozialismus und Demokratie“ im letzten britischen Stützpunkt in China – mit einem unruhigen Blick auf die gigantische Umwälzung im riesigen, roten „Reich der Mitte“. Mao Tse-tungs Parolen nämlich beginnen, sich in Hongkong auszuwirken. Chinesische Straßenbahner beispielsweise machten einen go-slow-Streik, sie fuhren, aber kassierten nicht. Da sperrte die britische Tramgesellschaft ihre Depots. Es gab Aufläufe, Polizeieinsatz, zerbrochene Scheiben. Schließlich mußten die Engländer nachgeben.

Die Nachrichten aus Peking lassen inzwischen darauf schließen, daß Mao Tse-tung Hongkong nicht militärisch, sondern politisch erobern will. Streiks und Sabotagen sind die Mittel. Zugleich fordern die Chinesen nicht nur Gleichberechtigung, sondern Bevorzugung vor den Weißen auf den im Hafen kreuzenden Star-Fähren, in den modernen luftigen Omnibussen und überfüllten Straßenbahnen. Während der linden Wintermonate war dieser Nervenkrieg leicht zu ertragen. Jetzt aber beginnt die Regenzeit, die Hongkong in eine gigantische, ficbrig heiße Waschküche verwandeln wird.