Ein äußerstes Wagnis: das jüdische Schicksal in dieser Zeit humoristisch zuspiegeln, Franz Werfel, in seinem weise plänkelnden Spiel von Jacobowsky und dem Oberst, unternahm es noch während des Krieges. Himmel und Meer Südfrankreichs gaben die versöhnliche Kulisse. Sie sind die segnenden Elemente auch in Hermann Kestens, dies großen deutschen, erst langsam wieder ins Bewußtsein der Leserschaft seiner Sprache gelangenden Erzählers, neuestem Roman „Die fremden Götter“ (Querido-Verlag, Amsterdam). Das Exil hat bei Kesten den Humor der Distanz geschärft. Dieser Emigrant ist ohne Bissigkeit geblieben, von einer epischen Gelassenheit, die keinen Grimm aufkommen läßt. Wer anders als er, der Nachfahre des Anatole France und der Gefährte Joseph Roths, dürfte sich unterfangen zu erzählen, wie ein Vater, der erst im deutschen KZ die Bindung an den Glauben seines Volkes erfahren hat, in harten Konflikt mit seiner siebzehnjährigen Tochter gerät, die während seiner Haftzeit im Kloster eine altklug fromme Katholikin geworden ist? Seine reumütige und ihre verspielt eiserne Unduldsamkeit prallen starr zusammen, und die Zone des Tragischen wird immer gestreift. Aber die Siebzehnjährigen verfallen nicht mehr der fanatischen Gier; Luise, das katholische Judenfeind, legt ihren Bekehrerstolz ab und kapituliert vor dem hartgesottenen Atheisten, der sie duldsam, aber angreifbar liebt („Ich sage, daß ich dich heiraten will, Luise. Darum will ich aber nicht mit einem Heidenmissionar zu Bett gehen und nicht mit den Fingern oder Zehen meines Pastors spielen“). Bis Kesten es dahin kommen läßt, ist turbulent, aber unübertrefflich gedrängt und dicht erzählt ein komischer kleiner Roman abgelaufen mit geglückter Entführung, mißglückter Verführung, mit einem buddhistischen Schwerenöter und einem Rabbinersohn, der Züge von Parsifal und Charlie Chaplin trägt. So sicher auf dem schmalen Grat des religiös, des moralisch und des erotisch Heiklen, so leicht und erheiternd zu fabulieren – diese seltenste aller Künste lernt wohl nur einer, dem das Leben mehr Bitteres als Tröstliches zu bieten hatte. C. E. L.