st. Rom, Ende April

In Rom fanden kürzlich Verhandlungen über den Bau von Schiffen für sowjetische und polnische Rechnung auf italienischen Werften statt. Der Auftrag, der für die stark unterbeschäftigte italienische Schiffbauindustrie von großer Bedeutung gewesen wäre, kam aber nicht zustande, da sich Sowjetrußland und Polen von den Verhandlungen zurückzogen, nachdem über zwei Punkte des Vertragstextes keine Einigung erzielt worden war.

Die italienischen Werften forderten bei der Festsetzung der Lieferfristen eine Vorbehaltsklausel, die sie von der termingemäßen Ablieferung der Schiffe entbinden sollte, wenn die entstandene Verzögerung auf höhere Gewalt und auf Streiks der Werftbelegschaften zurückzuführen sei. In Anbetracht der ständigen Arbeitsunruhen in Italien, die man nicht zuletzt auf sowjetischen Einfluß zurückführen muß, sind derartige Vorbehaltsklauseln nicht nur üblich, sondern auch notwendig geworden. Die sowjetischen Unterhändler zuckten aber geringschätzig die Schultern und lehnten die Forderung ab, wohl weil sie Streiks nach ihrer Doktrin als „Schwäche der bürgerlichen Länder“ betrachten...

Der zweite Punkt, über den keine Einigung erreicht werden konnte, betraf die sowjetische Forderung, daß im Falle von Streitigkeiten über die Auslegung oder Erfüllung des Vertrages ein Schiedsgericht in Moskau eingesetzt werden solle. Die italienischen Wirtschaftskreise haben aber anscheinend kein besonders großes Zutrauen zur Unabhängigkeit und Objektivität sowjetischer Gerichte und lehnten es ab, ein Schiedsgericht in Moskau anzuerkennen.

Aus diesen beiden Gründen wurden die Verhandlungen schließlich abgebrochen, und das zuerst schon als sicher in Aussicht stehende Geschäft zerschlug sich. Der gesamte Fall aber zeigt recht deutlich, welche gefühls- und verstandesmäßigen Imponderabilien bei Wirtschaftsverhandlungen zwischen Ost und West heute mitsprechen, und wie Dinge, die sonst selbstverständlich sind und zum Gerüst jedes Lieferungsvertrages gehören, zu heiklen Problemen und Hindernissen werden.