Von Günter Wichmann

Wer geht heute zur Pfandleihe? Mit der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung und dem Mangel an Kapital wächst die Kundschaft der Leihhäuser. Auffällig ist, daß heute der Gang dorthin mit weniger Hemmungen angetreten wird als früher. Aber die Beträge, die auf Pfänder geliehen werden, sind die niedrigsten seit Bestehen der Pfandleihen. Sie betragen im Durchschnitt pro Person nur noch zwischen zehn und zwanzig Mark.

Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, daß in der Wilhelminischen Ära das Geschäft der Pfandleiher am meisten blühte. 1912 waren es täglich allein in Hamburg 3000 Personen, die irgendwelche Gegenstände zur Beleihung brachten – und sie hundertprozentig wiedereinlösten. Das Geld hatte seinen stabilen Wert, und der Arbeiter, der damals fast ausschließlich die Kundschaft der Leihhäuser ausmachte, wußte, daß er am Wochenende nach Auszahlung seines Lohnes das nötige Geld erübrigen konnte, sein Pfand zurückzuholen. Für ihn war die Pfandleihe das gängige „Kredit-Institut zur weitläufigen Finanzierung persönlicher Anschaffungen“. Die Niederlage im ersten Weltkrieg, die Inflation und die Zeit der Weimarer Republik veränderten das Bild grundlegend. Zu dem Arbeiter gesellten sich der Handwerker und die Grundbesitzer. Zur Aufrechterhaltung des Landbesitzes, zum Investieren in neugegründete Fabriken wechselten nicht selten Brillantkolliers im Werte von 30 000,– Mark ihre Besitzer, wechselten sie auf Auktionen deshalb, weil sie zum größten Teil nicht wiedereingelöst werden konnten. Aber erst nach 1933 machte sich die allgemeine Tendenz bemerkbar, die Pfandleihe nur noch als Einrichtung zu betrachten, in der man alles und jedes „verkaufen“ konnte. Die Quote der nach fünf- oder sechsmonatiger Karenzzeit nicht erneuerten oder eingelösten Pfänder war nun erschreckend hoch. Und der Staat subventionierte gern und zeigte höchstes Interesse vor allem für Schmuck und Gold. Erst der nahende zweite Weltkrieg ließ diese „Kurve“ abfallen. Nach Beendigung des Krieges standen die Pfandleihen vor dem völligen Ruin. Der Schwarze Markt fraß alles; die horrenden Preise, die dort gezahlt wurden, konnten von den Leihanstalten selbstverständlich nicht aufgebracht werden. Also verkaufte man lieber dort seine Wertgegenstände.

Bereits vier Wochen nach der Währungsreform waren es aber fast wieder tausend Hamburger täglich, die ihre Habseligkeiten in die Leihhäuser brachten. Freilich, die berufliche Zusammensetzung der Kunden ist eine andere geworden. Mittelstand und Handwerker dominieren. Ende 1949 waren es allein in den öffentlichen und privaten Verleih-Institutionen Hamburgs durchschnittlich 3000 täglich, die den Gang zur „Bank des kleinen Mannes“ machten. Ein anderes Beispiel: Am Tage der Währungsreform hatte das Düsseldorfer Leihhaus nur 423 Pfänder mit 55 888 RM; Mitte November 1949 schon wieder 25 848 Pfänder mit 846 377 DM.

„Das ist noch gar kein gültiger Maßstab für die wirkliche Notlage“, meint ein erfahrener Angestellter einer Privat-Leihanstalt. „Wenn wir genügend Geld hätten, könnten Sie eine Riesenschlange bei uns anstehen sehen.“

Der weitverbreiteten Meinung von „Wucherzinsen“ treten die Fachleute energisch entgegen. Faustpfandkredite waren von jeher teurer als Personalkredite. Und die Unkosten für die Leihanstalten sind tatsächlich hoch genug. Die beliehenen Sachen, vor allem Pelze und Textilien, müssen gepflegt, Schmuck muß gereinigt und die Aufbewahrungsräume müssen in Ordnung gehalten werden. So haben die meisten Privatverleiher nach der Währungsreform erst einmal Banken in Anspruch nehmen müssen, um überhaupt Anfangskapital zu besitzen, daß sie mit 6 Prozent Zinsen zurückzahlen müssen. Dementsprechend fällt auch der Taxwert der beliehenen Gegenstände aus. Um von vornherein das Risiko so gering wie möglich zu halten, zahlt man heute nur etwa ein Drittel des Wertes. Auf einen guten Anzug werden etwa 50 DM geliehen, auf ein Paar Schuhe acht bis fünfzehn DM. Spezialartikel, wie chirurgische Instrumente, alte Silbervasen und Kerzenlüster, sind wenig gefragt. Der Versetzer zahlt zwei Prozent Zinsen pro Monat und bei einem Darlehen von über 1000 DM nur ein Prozent. Wird ein Pfand nicht eingelöst, kann es nach sechs Monaten versteigert werden – eine amtliche Bekanntmachung kündigt den Verfall der Pfänder rechtzeitig an, und außerdem erhält jeder am Tage des Versetzens einen Pfandschein mit dem genauen Datum des Verfalltages. Aber heutzutage trennt sich nur fünf Prozent aller Kundschaft für immer von ihren Sachen. „Ein sicheres Zeichen für noch vorhandene Knappheit wirklicher Qualitätswaren in Deutschland“, glaubt ein Beamter. Wird bei der Versteigerung ein Mehrbetrag erzielt, muß der Pfandeigentümer diesen innerhalb eines Jahres abgeholt haben, sonst verfällt das Geld dem Staat. Andererseits setzt der Pfandleiher zu, wenn der geliehene Betrag nicht wieder bei der Auktion hereinkommt.

Der Zinsfuß ist in den einzelnen Ländern der Bundesrepublik unterschiedlich. Er ist beachtlich hoch und beträgt in Hamburg, Düsseldorf, Köln und Frankfurt zwei Prozent pro Monat, in Heidelberg dagegen fünf Prozent im ersten, sechs Prozent im zweiten und sieben Prozent im dritten Monat. Also bereits nach drei Monaten eine Höhe von 18 Prozent. Man ist sich überall im klaren, daß die Zinssätze gesenkt werden müssen. Es handelt sich ja schließlich um die „Bank der Armen“! Zu ihnen hat sich in letzter Zeit ein recht gern gesehener Kunde gesellt: der Geschäftsmann. Er braucht schnell Geld und kann es auf dem üblichen Kreditwege nicht bekommen. Auch der sogenannte „Wochenkunde“ stellt sich wieder regelmäßig ein, der immer den gleichen Gegenstand am Montag beleiht und am Sonnabend wiedereinlöst. Selten kommen in Hamburg jedoch – gegenüber früheren Zeiten – die Seeleute zur Pfandleihe, die einst nach einem Reeperbahnhummel ihre Ausrüstungsgegenstände zu versetzen pflegten. Auch der Kunde, der im eleganten Wagen beim Leihamt vorfährt, da er sein Geld restlos beim Pokern verspielt hat, ist nur noch vom Hörensagen bekannt.

Die Anonymität aller Kunden wird gegenüber Außenstehenden in jedem Falle gewahrt. Der Personalausweis muß vorgezeigt werden, die Adresse wird in einer Kartei notiert –: eine Maßnahme, die erst 1938 angeordnet worden ist, und auf der die Polizei auch heute noch mit allem Nachdruck besteht. Oft genug ist es vorgekommen, daß betrügerische Leute ihre auf Abzahlung gekauften Gegenstände (Radioapparate, Staubsauger, Uhren...) nach der ersten Anzahlung versetzten mit der Absicht, sie nie wiedereinzulösen. Auch bei der Annahme und Beleihung von Schmuck und Gold sind die Beleiher vorsichtig, zumal die Privatleihanstalten – im Gegensatz zu den städtischen Leihhäusern – gestohlene Gegenstände ohne Ersatzleistungen herausgeben müssen.