Als am 15. August 1947 das Kaiserreich Indien in einen Hindu- und einen Moslemstaat geteilt wurde, verblieben in der neugegründeten Indischen Union mehr Mohammedaner, als Franzosen in Frankreich leben (über 40 Millionen), und in Pakistan mehr Hindus, als es Norweger und Schweden in Skandinavien gibt (11 Millionen). Diese „Minderheiten“ speisten in den folgenden drei Jahren als schier unerschöpfliche Quellen Flüchtlingsströme und Blutbäder, wie sie die Welt nur selten zuvor gesehen hat. Jetzt aber haben die beiden Regierungschefs Pandit Nehru und Liaquat Ali Khan ein Abkommen geschlossen, das zum erstenmal eine Plattform schafft, auf der eine Befriedung erzielt werden könnte. Indien und Pakistan versicherten einander gegenseitig feierlich Leben, Sitz, Glaubensfreiheit, Freizügigkeit und sonstige Rechte der konfessionellen Minoritäten in ihren Ländern. Naturgemäß konnten nicht alle Zwistigkeiten zwischen den Staaten mit einem Schlage beseitigt werden. Der Kaschmir-Konflikt ist, obgleich beide Parteien ihre Zustimmung zur Entsendung eines UNO-Vermittlers gegeben haben, noch ungelöst, ebenso der gegenseitige Handelsboykott und manche andere Frage. Aber. der Furcht und dem Haß, den beiden gefährlichsten Feinden des Friedens, wurden Zügel angelegt.

„Eine ganze Reihe von Mißverständnissen zwischen Indien und Pakistan ist durch die Besprechungen in Delhi bereinigt worden“, erklärte Liaquat Ali Khan bei seiner Ankunft in Pakistans Hauptstadt Karachi. Der Religionsfriede auf einem Subkontinent würde verbrieft, 400 Millionen Menschen dürfen wieder hoffen, und der Kreml, dessen Einladung nach Moskau Ali Khan bereits im vorigen Jahr übersah, aber der im Hinblick auf den Konfessionsstreit seinen gewinnbringenden Griff nach Südasien dennoch nur für eine Frage der Zeit hielt, mußte seine bereits ausgestreckte Hand wieder zurückziehen. Und der Staatsmann, dessen Anteil an diesem Erfolg unumstritten ist, spricht von der Bereinigung einiger Mißverständnisse! Das ist bezeichnend für Liaquat Ali Khan. Er ist einer der wenigen Inder, die während ihres Freiheitskampfes gegen England nie ins Gefängnis geworfen wurden, und einer der fünf Moslems, die der indischen Interimsregierung vor der Teilung angehörten, obgleich sie das Regime grundsätzlich ablehnten. Alle diese Handlungen entspringen dem wesentlichsten Charakterzug von Pakistans Premier. Er liebt die Mäßigung, so wie er jedes Unmaß haßt,

Liaquat Ali Khan ist heute 54 Jahre alt. Er wird in seiner politischen Arbeit von seiner klugen und fortschrittlichen Gattin unterstützt. Wie viele seiner Landsleute hat er sein Rüstzeug zum Streit für die Souveränität seines Landes im Lager seiner Feinde, in Oxford erworben. Seine Familie kam vor 500 Jahren aus Iran nach Indien; sie leitet ihre Herkunft von dem persischen König Nauscherwan, „dem Gerechten“, ab. Noch heute fühlt sich Ali Khan stärker als manch andere Politiker Pakistans mit den alten Lehren des Islam? verbunden, selbst dann, wenn es gilt, im Bereich des, modernen Lebens Entscheidungen zu treffen. Seine Regierung verfolge eine Wirtschaftspolitik des „islamischen Sozialismus“, so verkündete er erst kürzlich. Denn: „Das vor etwa 1350 Jahren entworfene Wirtschaftsprogramm ist immer noch das beste für uns. Welche Systeme die Völker auch ausprobieren, letzten Endes kehren sie immer zum islamischen Sozialismus zurück.“ Er bedeute, daß jede Person im Lande das gleiche Recht auf Nahrung, Unterkunft, Kleidung, Erziehung und medizinische Betreuung genieße.

Als ein Herzschlag dem Leben des großen Führers der indischen Moslems, Jinnah, 1948 ein Ende bereitete, schien es lange Zeit ungewiß, wer an seine Stelle rücken würde. Das nun geschlossene Abkommen aber zeigt, daß Liaquat Ali Khan inzwischen, von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt, Jinnahs Platz eingenommen hat. Er ging nach Delhi, obgleich er sich – damit die Todfeindschaft vieler religiöser Eiferer zuzog. Ihm war der Frieden wichtiger als die Macht und wichtiger als die Sicherheit seines eigenen Lebens. G. J.