Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, Ende April

Das Budget, das Sir Stanford Cripps dem Unterhaus vorgelegt hat, ist in England von rechts und links stark angegriffen worden. Nur die offiziellen Vertreter der Labour-Politik haben ihm zugestimmt. Auf der Linken sind es hauptsächlich Mitglieder der Gewerkschaften, die der Unzufriedenheit der Arbeiter Ausdruck gegeben haben. Die Gründe für die schlechte Stimmung unter den Arbeitern, die der Regierung durchaus gefährlich werden kann, erläutert unser Korrespondent in dem folgenden Bericht.

Die Labour-Regierung und ihre stärkste Stütze, die Gewerkschaftsführung, sind sehr unglücklich darüber, daß der Lohnstopp-Pfropfen nicht mehr fest sitzt. Die Anzeichen sind unverkennbar: eine Gewerkschaft nach der anderen bringt entweder Lohnforderungen ein oder mißbilligt doch die „Stillhaltepolitik“ der föderativen Gewerkschaftsspitze, des Trade Union Council. Die keineswegs vollständige Liste der gegenwärtig schwebenden Lohnforderungen umfaßt die Organisationen der Eisenbahner und der Mechaniker, des Londoner Autobuspersonals und der britischen Schullehrer, der Bergarbeiter, der Ärzte in britischen Gesundheitsämtern und der Landarbeiter, der Zahl nach insgesamt ein Viertel bis ein Drittel der acht Millionen Gewerkschaftsmitglieder.

Daß die britischen Arbeiter gegen ihre Gewerkschaftsführung teilweise aufsässig sind, geht auch aus anderen Symptomen hervor, so aus der Tatsache, daß die Londoner Fleischversorgung alle paar Monate durch Verweigerung von Überstunden aus meist recht nichtigen Anlässen gefährdet wird oder daß die Londoner Hafenarbeiter direkt nach Vorwänden suchen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Londoner Reedereien und Kaufleute klagen oft, es sei fast unmöglich, die Londoner Hafenarbeiter zu überstunden oder zur Aufrechterhaltung der Arbeit bei Regen- oder Schmutzwetter zu bewegen.

Woher kommt diese Unruhestimmung? Man würde es sich zu leicht machen, wollte man mit dem Hinweis auf die Vollbeschäftigung antworten, auf Grund derer den Arbeitern der Kamm geschwollen sei. Und auch die – deutlich spürbare – kommunistische Wühlarbeit ist nicht der Hauptgrund, sondern tut nur, was sie überall tut, sie nutzt die vorhandene Unzufriedenheit für ihre Zwecke aus. Diese Unzufriedenheit aber entspringt, so erstaunlich das klingen mag, dem Überdruß mit „zu viel Staat“, zu viel Bürokratie, zu viel unpersönlicher Einmischung von Beamten und „Gewerkschaftsbonzen“. Das typische Beispiel sind die Londoner Dockarbeiter, die während des Krieges aus ihrem sehr lockeren Verhältnis als Gelegenheits- oder unstetige Arbeiter in ein festes Vertragsverhältnis zur Arbeitsverwaltung des Hafens gebracht wurden, dafür allerdings einige ihrer Freiheiten in der Arbeitswahl aufgeben mußten und jetzt unter dem „sklavenartigen Joch“ ächzen, obwohl das Dock Labour Board völlig unter Kontrolle von Labour-Leuten arbeitet.

Man kommt dem Kern der Unzufriedenheit schon näher, wenn man sich die individuellen Klagen anhört: „Cripps hat mir seit der Abwertung auch das eine Glas Bier die Woche unmöglich gemacht, das ich bis dahin noch trinken konnte“, erklärte dieser Tage ein Arbeiter entrüstet, fügte allerdings doch, ehrlich genug, hinzu: „Denn das Rauchen kann ich nicht aufgeben, das ist unmöglich!“ Ein anderer kann das Wetten bei Pferderennen oder Hunderennen oder im Fußballtoto nicht lassen, ein dritter will aufs Kino am Wochenende nicht verzichten. Lieber läßt er – zur Zeit ein häufiger Fall – einen Teil seiner Fettration verfallen, oder macht er keinen Gebrauch von der Eierschwemme, die ihm der Staat doch so kräftig subventioniert.