Seit dem Überfall auf Pearl Harbour ist es nicht mehr zu einem so heftigen politischem Streit zwischen Republikanern und Demokraten gekommen, wie bei den derzeitigen Auseinandersetzungen über den angeblich entscheidenden kommunistischen Einfluß auf die Außenpolitik der USA. Während sich diese Anschuldigungen anfangs nur auf die China- und Fernostpolitik des State Department erstreckten, griff der republikanische Senator Jenner Anfang April im Senat auch die Deutschlandpolitik des Außenministeriums an. Ausgehend von dem „erschreckenden“ vertraulichen Bericht, den der Hohe Kommissar McCloy am 10. März vor dem Bewilligungsausschuß des Senats abgab, übte Jenner eine scharfe Kritik an der Demontagepolitik, die alle Hoffnungen auf eine starke Demokratie in Deutschland zerstöre. Er nannte die Demontage eine „kommunistische Falle“, in die die Vereinigten Staaten hineingetappt seien, und forderte eine Veröffentlichung des Berichtes des Hohen Kommissars, damit das amerikanische Volk den an ihm begangenen „prokommunistischen Verrat“ erkennen könne. Diese Angriffe wurden von seinem Fraktionskollegen Styles Bridges aufgegriffen, der in seiner Eigenschaft als führendes republikanisches Mitglied des Bewilligungsausschusses des Senats ebenfalls Kenntnis von dem Bericht McCloys hatte. Bridges beantragte eine Untersuchung der Maßnahmen zur Durchführung des Marshall-Plans in Deutschland und kritisierte außerdem die „offensichtliche Unterdrückung der deutschen Wirtschaft durch England“.

Die Reden und Maßnahmen von Jenaer und Bridges wirbelten erheblichen Staub auf. Sie hatten zur Folge, daß im Senat unter der Führung des demokratischen Senators Gillette eine aus sechs Demokraten und zwei Republikanern bestehende Gruppe eine Resolution einbrachte, wonach Präsident Truman aufgefordert werden soll, zur Untersuchung der amerikanischen Deutschlandpolitik überhaupt eine Zwei-Parteien-Kommission einzusetzen. Allein, diese Gruppe hat in geschickter Weise den Spieß umgedreht. Während Jenner und Bridges, von dem Bericht McCloys ausgehend, der in schonungsloser Offenheit die wirklichen Mißstände der amerikanischen Deutschlandpolitik aufwies, bemüht waren, den Weg für eine positive Politik gegenüber der Bundesrepublik freizumachen, versuchen Gillette und seine Anhänger, das in Bewegung geratene Wasser auf die antideutschen ein Mühlen zu leiten. So wird schon in der Begründung für die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Untersuchung an Hand von undurchsichtigen Berichten aus Ostdeutschland und privaten Mitteilungen und Pressemeldungen aus Westdeutschland, ein Bild der angeblich heute im Deutschland bestehenden Verhältnisse und ihrer mutmaßlichen Entwicklung entworfen, das den Verdacht bestätigt, es sei den Autoren der Resolution nicht so sehr an einer Untersuchung der amerikanischen Politik in Deutschland gelegen, als vielmehr daran, eine Atmosphäre des Mißtrauens, der Furcht und des Hasses gegen Deutschland zu erzeugen.

Nach den Informationen, auf den sich der Gillette-Kreis bezieht, „soll es in Ostdeutschland eine wiedererstandene Armee unter kommunistischer Führung geben“. Und wörtlich heißt es weiter: „In Westdeutschland werden neue Forderungen an die Besatzungsmächte in Erwartung der bevorstehenden Außenministerkonferenz in London vorbereitet. Es bestehen Andeutungen politischer Erpressung seitens der Deutschen im Westen, man droht dort, in Stalins Arme zu eilen, wenn diese neuen Forderungen nicht erfüllt werden. National-Bolschewisten, Nazis der Schwarzen Front Strassers, Anhänger der geopolitischen Schule Haushofers und andere neonazistische Bewegungen warten neben den deutschen Industriellen und Militaristen auf den Tag, sich in einer neuen und furchtbaren totalitären Achse mit Sowjetrußland zu verbünden.“ Diese erstaunlichen Erkenntnisse vertiefte Senator Gillette noch auf einer Protestkundgebung des amerikanischen jüdischen Kongresses, indem er prophezeite, daß „es sich in Deutschland herausstellen werde, daß die Vereinigten Staaten den zweiten Weltkrieg verloren und daß eher die Nazis als wir die Sieger, waren“.

Außenminister Acheson, der seine Auffassung vorher mit Präsident Truman abgestimmt haben dürfte, erklärte auf seiner Pressekonferenz, er sei gegen jede öffentliche Untersuchung der amerikanischen Außenpolitik in Deutschland durch den Kongreß, weil eine derartige Untersuchung die amerikanischen Schwierigkeiten in Deutschland vermehren und die Aufgabe des Hohen Kommissars McCloy nur noch komplizierter gestalten würde. Dennoch wird sich zunächst einmal der Außenpolitische Ausschuß des Senats mit der Resolution des Gillette-Kreises befassen und entscheiden, ob sie vom Senat behandelt oder fallen gelassen werden soll. Jenner und Bridges sind in den Hintergrund getreten. Gillette und seine Anhänger beherrschen das Feld. Und so viel haben diese Kreise schon heute erreicht: Das Mißtrauen gegen Deutschland wächst. Ernst Krüger