Vier Partner aus dem Arbeitskreis der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute haben sich zusammengetan, um einen Beitrag zu der so oft angesprochenen, noch niemals aber gründlich untersuchten Frage zu liefern, was „am Tage danach“ erreicht sein kann, was dann noch zusätzlich geschehen muß: am Tage nach dem Auslaufen der Marshall-Plan-Hilfe also. Die Anregung zu dieser „Studie“ ist von Professor Dr. Baade (Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel) ausgegangen, der dabei die Unterstützung von Friedensburg, Berlin, Harmssen, Bremen, und Däbritz, Essen, (leider fehlen diesmal die Münchner in dem Team) gefunden hat.

Die Problemstellung knüpft an diejenige der „Fleißaufgabe“ an, die vor einiger Zeit dem ERP-Ministerium in Bonn gestellt und von ihm in dem Memorandum an die OEEC beantwortet worden war. Aber im Unterschied zu jenem Text beschränkt sich die „Studie“ nicht nur darauf, zu sagen, welchen Stand die westdeutsche Wirtschaft nach einer routinemäßigen Abwicklung des ERP erreichen kann, sondern führt aus, was zusätzlich geschehen soll und muß, um die Dauerhaftigkeit zu erreichen, die „viability“ also, wie der neue Fachausdruck der Marshall-Plan-Leute heißt. Auf diesen Stand zu kommen, wird nicht schon Mitte 1952 möglich sein, sondern – wenn alle für notwendig erachteten Voraussetzungen erfüllt werden können – vielleicht drei Jahre später.

Für die Leistungssteigerung in der Landwirtschaft wird auf die Produktionsreserven verwiesen, die in den sogenannten unterdurchschnittlichen Betrieben liegen, also in denjenigen, die technisch (und betriebswirtschaftlich!) noch nicht den Anschluß an die Intensität der „Spitzengruppe“ erreicht haben. Als erreichbares Ziel wird dabei eine Produktionssteigerung um 15 v. H. in fünf Jahren angesehen. Das erscheint wenig, wenn man bedenkt, daß bei der Wirtschaftsberatung kurzfristige Leistungssteigerungen um 25 v. H. erzielt worden sind.

Darüber, daß eine intensivere Betriebsgestaltung, ebenso wie auch eine Vermehrung der kleinbäuerlichen Wirtschaften – durch Umsiedlung ehemaliger Ostbauern – Arbeitskräfte „bindet“, also die Erwerbslosigkeit vermindern hilft, ist merkwürdigerweise in diesem Zusammenhang nichts gesagt, obwohl die erwähnten Arbeiten der „Beratungsringe“ (speziell für Schleswig-Holstein) deutlich auf diese Möglichkeiten hinweisen. Dabei glauben die Verfasser, daß von den 4 bis 5 Millionen Menschen, die insgesamt bis etwa 1955 in Arbeit gebracht werden sollten – nämlich „sichtbare“ und „unsichtbare“ Erwerbslose von heute, plus Heimkehrer, politische Flüchtlinge, normaler Zuwachs von Schulentlassenen und durch Rationalisierung Freigesetzte –, „etwa zwei Drittel“ in der Industrie untergebracht werden können, während die restlichen 1,5 Millionen „in den anderen Wirtschaftszweigen unterzubringen“ wären. Einzelheiten hierzu fehlen aber, wie gesagt. – Aus der Mehrbeschäftigung einerseits und aus rationellerer Arbeit andererseits verspricht man sich ein zusätzliches (industriell-gewerbliches) Produktionsvolumen von 4–5 v. H. jährlich, insgesamt also von 25 v. H. bis zum „Zielpunkt“ des Jahres 1955. Das ist denn doch allzu pessimistisch gerechnet: die seit der Währungsreform – ohne nennenswerte Zunahme der industriell Beschäftigten – erreichte Verdoppelung der Produktionswerte erbrachte ja eine monatliche Zuwachsrate in der gleichen Höhe, wie man sie nun künftig jeweils für ein Jahr erwartet. Und diese Leistung wird vielfach noch mit der Zensur „ungenügend“ bedacht, gerade von der Seite her, die eine Kreditausweitung, mit dem Ziele der Vollbeschäftigung, als vertretbar und als notwendig propagiert!

Wir möchten also annehmen, daß jenes „Planziel“ einer industriellen Produktion von 150 v. H. des 1936 erreichten Standes unschwer erreicht werden kann, und damit auch ein Verbrauchsstandard, der für die große Masse der Bevölkerung fast demjenigen der Vorkriegszeit entspricht. Vorausgesetzt ist eben, daß der Außenhandel, hinlänglich liberalisiert – vielleicht haben wir ja dann ein Europa-Clearing, vielleicht sogar eine europäische Zollunion! –, bei Exporten in der Größenanordnung von 3,5 bis 4 Milliarden $ insgesamt (was einer Verdreifachung des Standes von 1949 entspricht eine Rohstoff-Einfuhr in Höhe von etwa 2 Milliarden $ im Jahr ermöglicht. Und ferner, daß bis dahin alle Beschränkungen der Produktion gefallen sind, angefangen bei Stahl und Aluminium, bis zur Kohleveredlung und Kunststofferzeugung. Schließlich ist dabei vorausgesetzt, daß die notwendigen Mittel für die Investitionen verfüglich sind, die, allein für die Schaffung von Arbeitsplätzen – den Wohnbau, mit 4 Mrd. pro anno, also nicht eingerechnet – auf 6 bis 8 Mrd. DM jährlich beziffert werden, und damit etwa auf denselben Betrag, der 1949 erreicht wurde. Dazu kommen jeweils noch mindestens 2 Mrd. jährlich für den Wiederaufbau und die Modernisierung der Schienenwege und der Handelsflotte. Ganz abwegig ist nun freilich die – in der Denkschrift als Eventualität einmal kurz angesprochene – Idee, Anleihen „durch Kreditexpansion zu finanzieren“. Tatsächlich wird jeher Teil der erforderlichen Investitionsmittel, der nicht auf den üblichen Wegen zu beschaffen ist, (nämlich, über den Kapitalmarkt, die Selbstfinanzierung, die Hergabe von thesaurierten Mitteln der öffentlichen Hand und die Verwendung des Gegenwert-Fonds) aus dem Ausland kommen müssen: 1 bis 1.5 Mrd. $ für die restliche Laufzeit des Marshall-Plans und für die weiteren drei Jahre der Durchführung des Programms der „viability“.

Fruchtbar erscheint hierbei der Gedanke, diese Summen nicht als „zusätzliche Hilfe“, zu Lasten des Steuerzahlers in den USA, zu erbitten, sondern als Kredit – und zwar als Naturalkredit, gegeben aus den Vorräten, die bei der Preisstützung drüben an Weizen und Mais, Ölfrüchten, Schmalz und Baumwolle entstanden sind und noch laufend neu aufgestapelt werde Der Anleihedienst für diesen großen Warenkredit aber soll wiederum in natura durchgeführt werden, nämlich in Form technischer Ausrüstungen für den Aufbau der „unentwickelten Gebiete“, nach Punkt 4 des Truman-Programms. Dieser Lösungsvorschlag, bei dem die Klippe des Transfer-Problems ebenso wie die Barre der bevorrechtigten Zins- und Tilgungsraten für die „alten“ Auslandskredite aus der Vorkriegszeit zu umgehen ist, bedeutet wohl die wertvollste Anregung der Studie. Man darf hoffen, daß sie in den USA ein gutes Echo findet. Erwin Topf