Abkehr von Bretton Woods

In den sechs Jahren, die seit der Währungs- und Finanzkonferenz von 44 Nationen der UNO in Bretton Woods verflossen sind, haben sich hochbedeutsame Erfahrungen ergeben. Der damals beschlossene Internationale Währungsfonds und die Internationale Bank für Wiederaufbau in Washington haben (trotz der gewaltigen zur Verfügung stehenden Kräfte: die Bank verfügt allein über zehn Mrd. US-$) die ihnen gestellten Aufgaben nur in enttäuschend engen Grenzen zu erfüllen vermocht. Bretton Woods war an sich ein guter Kompromiß. Bei der Durchführung ergaben sich dann Schwierigkeiten. Sie haben ihre tieferen Gründe in den staatlichen Planungen der Zahlungsbilanzen und zeigten sich in falschen Wechselkursen und in mangelnder innerer Finanzstabilität. Heute wissen wir, was ein fast die ganze Welt umfassender Zahlungsausgleich leisten kann und was nicht von ihm erwartet werden darf. Bretton Woods bedarf der Revision.

Die Anregung hierzu kam 1949 wiederum aus den Vereinigten Staaten: Der ERP-Administrator Hoffman befürwortete und verlangte eine Europäische Clearing Union (ECU). Dieser Plan eines Zahlungsausgleiches geht nicht so sehr wie Bretton Woods in die Breite, dafür um so mehr in die Tiefe. Hoffman hat den Plan-Entwurf durch die „Organisation for European Economic Cooperation (OEEC)“ ausarbeiten lassen. Da die Bundesrepublik bei dieser Kommission vertreten ist, hat sie sich zum ersten Male an einem der wichtigsten Wirtschaftspläne beteiligt.

Hoffman hat aus Mitteln der Marshall-Hilfe 600 Mill. $ bereitgestellt und als Termin für die Durchführung den 30. Juni 1950 festgesetzt. Diese ECU (später EPU genannt, als Abkürzung für European Payments Union) erstrebt nach der Liberalisierung des Außenhandels, die durch die OEEC bisher teilweise erreicht wurde, die Beseitigung der Schranken im Zahlungsverkehr der an der EPU beteiligten Länder Europas, also vermutlich nur Westeuropas.

Die Aufnahme des EPU-Planes war günstig in Frankreich und in den Benelux-Staaten, etwas zweifelhaft in den Ländern des „Sterling-Blockes“. Zunächst hatten die englischen Parlamentswahlen eine Verzögerung gebracht. Die vom englischen König verlesene Regierungserklärung hat die europäische Zahlungsgemeinschaft bejaht, aber den Vorbehalt einer „Sonder-Heilung“ des Pfundes gemacht (Gründe und Folgen hat die „Zeit“ in ihrem Artikel „Europadevise kommt“ in ihrer Nummer vom 23. März 1950 ausführlich dargelegt). Inzwischen hatte der Konsultativrat der OEEC in Paris am 1. Februar 1950 die EPU grundsätzlich bejaht Am 25. März begann die Tagung des Beirates der OEEC, in der die Grundgedanken festere Gestalt annahmen. Das seit Anlaufen des Marshall-Planes angewendete System soll so erweitert werden, daß alle Teilnehmerländer einen einzigen europäischen Handelsmarkt bilden. Für den intereuropäischen Zahlungsverkehr soll ein freies „Transferieren“ ermöglicht werden. Eine neu zu schaffende „Clearing-Bank“ soll den Spitzenausgleich vornehmen.

Diese – geplante – Lösung würde nur eine Vorstufe zu einer unabhängigen Westeuropa-Währung sein können und beansprucht daher größere Aufmerksamkeit, als sie bisher bei uns gefunden hat. Deutscherseits ist dazu das Folgende zu sagen:

1. Das System der europäischen Zahlungsunion ist einzuordnen in ein multilaterales weltwirtschaftliches Austauschsystem; dieses hat den „Dreieckshandel“ zwischen den Teilnehmerländern Europas und den überseeischen Wirtschaftsgebieten zu ermöglichen. Es genügt also nicht, wenn nur für jedes Land der EPU ein Ausgleich seiner Zahlungsbilanz im Verkehr mit der Gruppe der übrigen Teilnehmerländer ermöglicht wird.