Von Th. Bovet, Zürich

Daß der Mensch normalerweise 2000 Kalorien braucht, oder daß die Grippe eine Tröpfcheninfektion ist, bleibt auch dann wahr, wenn der Hygieniker unterernährt ist, oder wenn er selbst an einer Grippe leidet.

Anders ist es in der Psychohygiene. Wie alles, was mit der Psyche zusammenhängt, hat sie es immer nur mit Personen zu tun. Wer sie lehrt, muß sie persönlich verkörpern. Es ist bekannt, daß man keinen Patienten psychoanalysieren kann, ohne selbst durch eine Lehranalyse hindurchgegangen zu sein, und daß man auch dann niemand weiterbringen kann, als man selber steht. Weniger selbstverständlich scheint es dagegen zu sein, daß ein Eheberater aus eigener Erfahrung wissen muß, was eine gute Ehe ist, und daß ein Erzieher selbst erzogen sein muß.

Damit gewinnt aber die Psychohygiene des Psychohygienikers zentrale Bedeutung. Denn die seelische Gesundheit muß sich – genau wie die Infektionskrankheiten – durch Ansteckung verbreiten. Wer die seelische Gesundheit nicht an sich hat, der kann sie keinem andern mitteilen.

Wonach kann nun der Psychohygieniker sefne eigene seelische Gesundheit beurteilen? Da ist einmal die rein persönliche Sphäre, wo in erster Linie die innere Freiheit wichtig ist: Wie weit handeln wir unter dem Druck von Angst, neurotischem Zwang oder Verdrängungen? Wie weit sind wir imstande, unsere Gefühle und Leidenschaften zu steuern, oder wie weit können wir sie nur abbremsen? Wie weit arbeiten wir daran, wir selbst zu werden, oder wie weit verfolgen wir nur ein konventionelles Ideal?

Die zweite Sphäre, in die unsere Person eingefügt ist, umfaßt den Partner; in ihrer Reifeform bildet sie die Gestalt der Ehe. Gerade hier kann das Verständnis für das Wesen der Ehe nur in der eigenen Ehe des Psychohygienikers erlebt werden. Das Geheimnis der Ehe ruht weder in moralischen Grundsätzen, noch in vertraglichen Artikeln, noch in technischen Tricks, sondern in der bedingungslosen Annahme der totalen Lebensgemeinschaft. Wer diese Totalität für sich nicht annimmt, sondern sich kleine oder große Seitensprünge überlegen gestattet, wer die Ehe nur als eine spezielle Form neben andern möglichen Formen betrachtet, der hat von der Ehe nichts oder wenig verstanden und taugt nicht zum Seelenhygieniker. Man wird aber auch kaum Seelenhygiene verkünden können, – solange die eigene Ehe von Kompromissen getragen oder von der Langeweile vergiftet wird.

Die dritte Sphäre weitet sich aus zur Arbeit, zum Werk des Menschen. Auch hier wird der Psychohygieniker nur dann wirken können, wenn er selbst eine gesunde Einstellung zu seiner Arbeit hat. Wer seine Arbeit jahraus, jahrein in gehetztem Tempo verrichtet, wer keinen Feierabend genießen, keine Feiertage feiern und keine Ferien gestalten kann, wer seine Arbeit als „verdammte Pflicht“ oder als bloßen Broterwerb betrachtet, der wird umsonst versuchen, in der Industrie die Arbeitsfreudigkeit zu fördern. Auch der Psychohygieniker muß seine Arbeit bei aller wissenschaftlichen Fundierung als ein Kunstwerk empfinden, in dem sich das Innerste seiner Seele ausdrückt; er muß an seiner eigenen Arbeit gewandelt und geläutert werden. Dann erst hat er das Geheimnis jeder Arbeit erfaßt, auch der handwerklichen und technischen. Wichtig ist hier unser Verhältnis zum Besitz, insbesondere zum Geld. „Die Habsüchtigen werden das Reich Gottes nicht ererben.“ Auch nicht die Psychohygiene.