Von Hans E. Hölscher

Es war in einem D-Zug-Abteil. Drei Herren lauschten interessiert den Worten eines vierten, der seinen Vortrag nicht für eine Sekunde unterbrach. Er war, wie sich ergab, nach einer langen Auslandsreise in dieses deutsche Gefängnis zurückgekehrt. Im Auftrag einiger nicht näher bezeichneter Verständigungsgruppen hatte er in Frankreich, Belgien, Holland und der Schweiz über die deutsche Schuld gesprochen. Bei dem Wort „Schuld“ zuckten seine Zuhörer nervös zusammen – einer sah zum Fenster hinaus und die beiden anderen zündeten sich geschäftig eine Zigarette an. Der Versöhnungsreisende aber sprach unbekümmert weiter und bekannte freimütig, daß er da draußen, um überhaupt ins Gespräch zu kommen, die deutsche Schuld an jeglichem Weltunglück ehrlichen Herzens zugegeben habe. Denn, so sagte er, nur einer, der sich zu jener Schuld bekennt, von der die andern sowieso überzeugt sind, kann überhaupt auf Gehör bei ihnen hoffen. Auch sei es klug, den andern das Gefühl des Besserseins zu gönnen.

„Ich habe versucht“, so sagte er, „meinen Hörern da draußen deutlich zu machen, daß die Deutschen notwendig unter dem Verhängnis ihrer Herkunft und Geschichte leiden. Und da die Sprache das beste Zeugnis für den Charakter eines Volkes ist, habe ich meine Ansicht am Beispiel der deutschen Wörter „Krieg“ und „kriegen“ bewiesen. Das erste leitet sich zweifellos vom zweiten her und da „kriegen“ soviel wie erhalten, bekommen und vielleicht auch wegnehmen bedeutet, ist „Krieg“ also das Mittel, mit dem ich bekomme oder wegnehme, was ich haben will. Danach sind die alten Deutschen reine Räuber gewesen. Da man die heutigen aber schließlich nicht für Sinn und Herkunft ihrer Sprache verantwortlich machen kann, hielt ich einen Hinweis auf die Wechselwirkung von Sprache und Volkscharakter für um so notwendiger. Meine Zuhörer da draußen waren immer sehr beeindruckt von dieser Feststellung. Wenn auch nun eine Anzahl von ihnen daraus schloß, daß man die Deutschen also mit Fug und Recht ausrotten solle, so schlugen einige klügere immerhin vor, durch einen UNO-Beschluß die Worte „Krieg“ und „kriegen“ ausmerzen und durch mildere ersetzen zu lassen. Der Rest aber – und gerade auf den kam es mir an – verstand, was ich sagen wollte: Daß man den Deutschen mit Liebe und Geduld helfen müsse, sich aus dem Bannkreis ihrer Geschichte zu lösen – daß man sie wie psychisch Kranke mit den Mitteln sprachlicher Analyse zu der Erkenntnis ihrer Laster hinführen müsse.“

Zwei der teutonischen Raubkriegen im Abteil, die sich endlich in ihren verworfensten Instinkten entdeckt sahen, senkten schamhaft die Augen. Der dritte aber widerstand dem beifallheischenden Blick des geistvollen Analytikers. „Es scheint mir“, sagte jener streng, „als ob Sie meine Ausführungen ablehnen?“

„Die Ausführungen nicht“, sagte der Angesprochene verbindlich, „nur die Voraussetzungen. Es ist wirklich bedauerlich, daß Ihre kühnen Analysen auf so unsicheren Grundlagen ruhen“. – „Nicht daß ich wüßte“, entgegnete der Versöhnungsspezialist mit dem lässigen Stolz eines weitgereisten Mannes. – „Ich habe“, fuhr der andere fort, „wertvolle Jahre meiner Jugend ziemlich sinnlos mit Bemühungen um die Germanistik verbracht. Darum kann ich Ihnen versichern, daß unser Wort „Krieg“ mit all Ihren Deutungen nicht das geringste zu tun hat. Es leitet sich vielmehr vom mittelhochdeutschen „krien“ her, das so viel bedeutet wie schreien, brüllen, lärmen. Dieses krien wird dann weitergebildet zu „krigen“: sich anstrengen. Ursprünglich aber gehen beide Wörter zurück auf das althochdeutsche grinn an: knirschen–keuchen. Da unseren Vorvätern Waffengetöse und Feldgeschrei offenbar als das Hauptmerkmal ihrer Schlachten erschien, benannten sie schließlich das Ganze mit dem dafür zuständigen Wort: krig. Der „kriger“ ist also ursprünglich ein furchterregender Schreier. Das Wort „kriegen“, wie wir es heute vorwenden, bedeutet einfach, daß irgendein Ding, das man erstrebt, nur durch Anstrengung zu erlangen ist.“

Der fröhliche Schuldpsychologe war sichtlich eingeschnappt. Er stand ruckartig auf und verließ das Abteil sehr wirkungsvoll, da gerade in diesem Augenblick das zweite Mittagessen abgerufen wurde, an dem er teilnehmen konnte, weil er auf Spesenkonto reiste und deutsche Schuld bekannte.