Die Frage der Verstaatlichung des Handels ist von der Sowjetzonenregierung mit rücksichtsloser Brutalität gelöst worden. Die „Deutsche Wirtschaftskomrnission“ hatte auf diesem Gebiet schon vorgearbeitet. Nach anfänglicher Unsicherheit über den Weg, der zu dem Ziel des „volkseigenen Handels“ führen sollte, hatte Walter Ulbricht im Spätherbst 1948 klare „Weisungen“ erhalten. Inzwischen waren allerdings schon Millionen ostdeutsches Steuergelder für die Errichtung einer „Deutschen Handels-Gesellschaft“ (DHG) ausgegeben worden. Die DHG, obwohl ein Kind der Wirtschaftskommission, mußte aber wieder liquidiert werden, und reine „volkseigene“ Handelsorgane, durch Verordnung gegründet und aus dem Haushaltplan der Sowjetzone finanziert, traten an die Stelle der DHG. Diese fachlich gegliederten „Handelszentralen“ übernahmen die Rolle monopolistischer Großhandelsbetriebe auf ihrem Warengebiet. Parallel hierzu wurde auf dem Ernährungsgebiet das Großhandelsmonopol am die „Vereinigung volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetriebe“ gegeben. Auf dem Gebiet des Einzelhandels wurde die Staats-Handels-Organisation „HO“ aus dem Boden gestampft, die zwar noch kein völliger Monopolbetrieb ist, weil Konsum-Genossenschaften und privater Einzelhandel daneben weiterbestehen, aber dennnoch eine ganze Reihe besonderer Vorteile genießt.

Der Aufbauder „volkseigenen“ Handelsorgane wurde mit Schnelligkeit vorangetrieben. Weder fachliche ’Belange noch finanzielle Verluste wurden beachtet. Auf den privaten Handel nahm man praktisch keine Rücksicht. Zwar erklärten die Verantwortlichen der DWK in Reden und Veröffentlichungen, daß der private Handel keineswegs ausgeschaltet werde, sondern im Konkurrenzkampf mit dem „volkseigenen“ Handel zeigen solle, was er könne Die Konkurrenz des Staatshandels bestand aber darin, daß er allein das Recht bekam, Waren aus der Produktion aufzukaufen; ein weiteres Gesetz bestimmt, daß die Ware nur eine Großhandelsstufe durchlaufen darf. Alle Branchen, für die „volkseigene“ Handelszentralen gegründet wurden, sind damit praktisch dem privaten Großhandel verschlossen, Lediglich beim Außenhandel macht man noch eine Ausnahme. Auch nach der Gründung der „volkseigenen“ Organisation „Deutscher Außenhandel“ ließ man private Importeure und Exporteure bestehen.

In der Hauptsache besteht das Warengebiet der „volkseigenen“ Handelszentralen aus gewerblichen Gebrauchsgütern. Dazu kommen noch einige industrielle Rohstoffe und Halbwaren. Die Hauptmasse der Produktionsmittel wird allerdings nicht durch die Handelszentralen, sondem über den „innerwirtschaftlichen Verkehr“ und durch das „Vertragssystem“ bewegt. Durch den „innerwirtschaftlichen Verkehr“ wird die Warenbewegung von einem volkseigenen Betrieb zum anderen organisiert. Das „Vertragssystem“ regelt den Warenfluß zwischen volkseigenen und privaten Betrieben dadurch, daß die Verträge, die als Werkverträge und Zulieferungsverträge zwischen den bei den Partnern geschlossen werden und die die Produktionsgrundlage für die privaten Betriebe bilden, auch die Materialversorgung vorsehen.

Von den staatlichen Handelsorganisationenwird im Rahmen des Wirtschaftsplanes „erfaßt und verteilt“. Echter Handelsfunktionen sind sie durch ihre Bindung an den Plan beraubt. Sie „handeln“ eigentlich überhaupt nicht, sondern sie bewegen vorschriftsgemäß Waren! Und das hat zu einem so sturen Formalismus geführt, daß sich die Regierung mehr als einmal zu Eingriffen und Belehrungen gezwungen sah. Die Handels-Organisationen konnten bisher ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Warenstauungen auf der einen und falsche Bedarfsdeckung auf der anderen Seite kommen daher immer wieder vor. Die Zeiten, in denen ein Betrieb statt der verlangten Treibriemen ... Schulranzen erhielt (Leder laut Verteilungsplan!), sind noch längst nicht vorüber. Sie werden auch nie gänzlich verschwinden. Denn die Starrheit in der Verteilung, die zu den Verfehlungen der Bedarfserfordernisse führt, wird hervorgerufen durch den Gegensatz zwischen Plan und Leben. Das Leben wächst unschematisch selbst in einer Planwirtschaft.

Es ist eine bittere Ironie und-ein Zeugnis für den Zynismus der Sowjets, daß die deutsche Bevölkerung ihrer Zone zu Resolutionen über die Schaffung eines „volkseigenen Handels“ mit ausgerechnet der Begründung gezwungen wurde, daß im privaten Großhandel zu starke „bürokratische Tendenzen“ aufgetreten seien! Ein weiteres Schlagwort für die propagandistischeVorbereitung des Staatshandels war das von der

„Verkürzung des Warenweges“. Aber der Weg der Ware wurde weder körperlich noch disposttionsmäßig abgekürzt, im Gegenteils Ein privater Großhändler hätte es sich wohl kaum einfallen lassen, Kinderwagen aus ihrem Herstellungsort zu einem Sammellager in die Landeshauptstadt zu transportieren, um sie von dieser Zentrale aus wieder in die einzelnen Landesteile zu versenden, so daß besagte Kinderwagen zum Teil die Rückreise in ihren Geburtsort anzutreten hatten, natürlich mit einem gewaltigen Preisaufschlag infolge der entstandenen Kosten. Aber selbst wenn solche groben Pannen vermieden werden sollten, so wird der staatliche Handelsappirat dennoch schwerfälliger arbeiten als der unternehmungslustige, findige, schnell überlegende private Großhändler. Um diese vernünftige Überlegung in den Köpfen der Bevölkerung zu vermischen, konstruierte man Beispiele, in denen eine Ware durch Einschaltung von privaten Großhändlern ungewöhnlich lang unterwegs war, bis sie Ton der Produktion an den Verbraucher gelangte. Den privaten Großhändlern wurden durch behördliche Schikanen Schwierigkeiten über Schwierigkeiten bereitet, um sie dann dafür verantwortlich zu machen und vor allem vor dem Voll eine „ideologische Rechtfertigung“ der Verstaatlichung des Großhandels zu schaffen. Für fast alle Branchen sind inzwischen „volkseigene Handelszentralen“ gegründet worden

Natürlich erforderte die Gründung der einzelnen Handelszentralen Zeit Bis es jeweils so weit war, bediente man sich weiterhin des privaten Großhandels. Aber für jede Handelszentrale kommt früher oder später der Zeitpunkt, alle Geschäfte selbst ausführen zu können Damit ist dann der private Großhandel auf dem betreffenden Warengebiet völlig ausgeschaltet. Während der private Großhändler vorher teilweist Waren aus den verschiedensten Industriezweiten miteinander gehandelt hatte, war nach Bildung der Staatshandelsgesellschaften für jede Wanngruppe eine besondere Handelszentrale zuständig. Das führte interessanterweise dazu, daß große Wirtschaftsunternehmen sich private Großhändler zu Hilfe nahmen, die die Waren bei den einzelnen Staatshandelsgesellschaften für sie kauften. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die „Volkskontrolle“ diesen „Schlupfwinkel der Privaten“ entdeckt hatte und durchgesetzt wurde, daß sich die großen Betriebe eigene Einkauf Abteilungen einrichteten,

Durch die Monopolstellung des Staatshandels ist dem privaten Großhandel in der Sowjetzone praktisch die Existenz genommen. Daran ändert auch nichts, daß sich einzelne vielleicht hier und da noch z. B. als Kommissionär zu halten vermögen. Die bange Frage, wie lange noch, müssen sie sich jeden Tag stellen. Auch wer seine Chance im Schwarzhandel sieht, der ja wegen der sowjetzonalen Warenknappheit weiterexistiert, hat seine Sorgen, denn das Wirtschaftsstrafgesetz der Sowjetzone ist von außerordentlicher Härte und Strenge, insbesondere wenn „Volksrichter“ es gegen „Klassenfeinde“ anwenden. H. L.