Eine Reihe von Vorfällen hat in den letzten Tagen dazu geführt, das Verhältnis zwischen der Deutschen Bundesrepublik und den Westmächten empfindlich zu stören. Angesichts der bevorstehenden Konferenz zwischen Acheson, Bevin und Schuman, auf der auch über deutsche Fragen verhandelt werden wird, ist dies zweifellos sehr unerfreulich. Begonnen hat diese Spannung mit der Rede Dr. Adenauers kg Berliner Titaniapalast. Sie hat im Ausland ein sehr schlechtes Echo gefunden – nicht nur, weil sie mit dem Absingen der dritten Strophe des Deutschlandliedes schloß. Insbesondere eine offizielle Entgegnung des Foreign Office, die von einem Sprecher im Wortlaut der Presse übergeben wurde, war in einem ungewöhnlich gereizten Tone gehalten. Es folgten dann die beiden Vetos der Hohen Kommissare gegen das Beamtengesetz und die kleine Steuerreform. Nun war es wieder an Dr. Adenauer, sich verletzt zu fühlen. In einer zornigen Rede vor Mainzer Studenten ermahnte er die Hohen Kommissare, mehr Achtung vor den demokratischen Einrichtungen der Bundesrepublik zu haben, es sei ja das Steuergesetz immerhin von den Finanzministern der Länder begutachtet und vom Bundestag und Bundesrat angenommen worden. Kurzum, das Einvernehmen zwischen der Bundesrepublik und den westlichen Alliierten ist im Augenblick getrübt. Woran liegt dies? Doch wohl kaum an den Vorfällen selbst, dazu sind sie zu geringfügig. Es müssen ernstere und viel tiefer liegende Ursachen vorhanden sein.

Zugegeben, es war in der Tat recht unbedacht von Dr. Adenauer, am Ende seiner Rede im Berliner Titaniapalast ohne vorherige Verabredung den dritten Vers des Deutschlandliedes anstimmen zu lassen. Gegen den Text dieses Verses ist gewiß nicht das geringste einzuwenden, und gegen die herrliche Melodie von Haydn erst recht nichts. Man kann auch nicht einfach alle deutschen Symbole beiseite werfen, nur weil die Nazis sie mißbraucht haben, sonst könnte auch nicht, wie dies doch geschieht, in Deutschland der 1. Mai allgemein gefeiert werden. Andererseits jedoch muß man, wenn man Gast ist, sich auf das sorgfältigste hüten, seine Gastgeber oder andere hat Dr. Adenauer wohl übersehen. Doch konnte dies für das Foreign Office ein Grund sein, dem ersten Staatsmann der Bundesrepublik eine offizielle Rüge zu erteilen? Und zwar mit Worten, die so scharf sind wie diese: „Wir teilen die Ansicht von General Bourne, daß das Singen der deutschen Hymne in Gegenwart der alliierten Kommandanten ein Zeichen schlechten Geschmacks war.“ Es ist schwer zu entscheiden, wer hier den schlechteren Geschmack bewiesen hat. Gewiß hätte es andere Möglichkeiten gegeben, dem deutschen Bundeskanzler das Mißfallen des Foreign Office mitzuteilen.

Des weiteren enthielt die englische Entgegnung den Vorwurf, Dr. Adenauer habe sich illoyal verhalten, weil er schon jetzt eine Revision des Besatzungsstatuts gefordert habe, obgleich diese nach dem Petersberger Abkommen erst frühestens im Herbst beraten werden könne. Der Bundeskanzler hat erwidert, um so besser sei es, schon heute davon zu sprechen, denn für so schwierige Erwägungen brauche es viel Zeit. Außerdem hätten sich die Dinge in Europa und in der Welt viel schneller entwickelt, als man im vorigen Herbst habe annehmen können.

Endlich hat das Foreign Office Dr. Adenauers Beschwerde zurückgewiesen, er sei gezwungen, sich aus Zeitungsberichten über die Politik der Westmächte zu orientieren, obgleich sie sich doch in erheblichem Maße mit Deutschland beschäfeigen. Der englische Sprecher hat erklärt, hierfür stünden dem deutschen Bundeskanzler die Hohen Kommissare zur Verfügung und wirtschaftliche Informationen könne er in Zukunft durch die deutschen Generalkonsuln erhalten, die er leider noch nicht ernannt habe. Dr. Adenauer hat in einer Pressekonferenz entgegnet, die Hohen Kommissare seien eine einheitliche Behörde und nicht Vertreter ihrer Länder.

Nun, das alles ist – daran dürfte wohl kein Zweifel sein – sehr geringer Stoff für eine so tiefgehende Verärgerung. Liest man unbeeinflußt die Rede, die Dr. Adenauer in Berlin gehalten hat, so enthält sie sehr vieles, was kein Deutscher, ganz gleich, welcher politischen Partei er angehört, als eine Herausforderung der Alliierten auffassen könnte. Insbesondere die Ansprache im Titaniapalast besteht eigentlich nur aus Forderungen und Feststellungen, die man, fünf Jahre nach Kriegsende, durchaus als vernünftig bezeichnen kann. Allerdings war diese Rede mehr polemischer als konstruktiver Natur. Man hat daher dem Bundeskanzler auch vorgeworfen, er habe in Berlin, an der prominentesten Stelle also, die ihm zugänglich ist, die Gelegenheit einer großen Kundgebung benutzt, um Forderungen an die Alliierten zu stellen. Dies käme einer Erpressung ziemlich nahe, und so werde es praktisch unmöglich sein, der Deutschen Bundesrepublik auf der Londoner Konferenz Konzessionen zu machen, weil das aussehen würde, als seien sie durch deutschen Druck zustande gekommen.

Kein Zweifel, Berlin war nicht der Ort, um Forderungen an die Westmächte zu stellen, die überhaupt besser in einem streng geheimen schriftlichen Memorandum überreicht worden wären. Aber war Berlin andererseits für die Hohen Kommissare der Ort, an dem sie unbedingt das Veto gegen die kleine Steuerreform verkünden mußten? Dr. Adenauer hat sich – doch wohl mit Recht – bitter darüber beklagt, daß man ihn durch diese Rüffelung zwei Tage nach seinem Berliner Besuch im Angesicht ganz Deutschlands und aller östlichen Länder herabgesetzt habe. Und so scheint es wirklich, als könnten weder der deutsche Bundeskanzler noch die Hohen Kommissare es in irgendeiner Weise vermeiden, mit nachtwandlerischer Sicherheit in das nächstgelegene Fettnäpfchen zu treten.

Woher kommt dies – denn irgendeinen Grund muß es ja haben? Offenbar doch daher, daß keiner der beteiligten Staatsmänner wirklich konkret sagen kann, welches seine Politik ist. Die französische Zeitung Le Monde, eine der freimütigsten, die wir in Europa haben, hat gelegentlich der Adenauer-Rede eine wesentliche Frage gestellt: „Rührt das Unbehagen, das die Alliierten bei ihrer Deutschlandpolitik empfinden, nicht überhaupt daher, daß sie behaupten, gleichzeitig die Einheit Deutschlands und seine Einbeziehung in den Westen anzustreben – zwei einander widersprechende Ziele?“ Man sollte diese Frage erweitern: Hat eigentlich irgendein westlicher Staatsmann oder Politiker, einschließlich der deutschen, auch nur den Schein einer exakten Vorstellung darüber, wie sich die Berlinpolitik – einstweilen noch der Glanz der alliierten Politik ebenso wie das hin und wieder herausgeholte Renommierstück von Bonn – überhaupt mit der Eingliederung der Bundesrepublik in den Straßburger Europaverband vertragen kann?