Mein Onkel Florian Buchta war ein sehr lustiger Mensch. Er ist im ersten Weltkrieg in der Schlacht an der Somme gefallen. Das war ein trauriges Ende für ihn, denn wer redet heute noch von der Schlacht an der Somme und von allen übrigen schrecklichen Schlachten von damals, da es soviel neue Schlachten gab, gibt und geben wird? Darum will ich mich auch nur mit der Lustigkeit und nicht mit der Traurigkeit meines Onkels befassen. Von ihm lernte ich Trillern wie ein Kanarienvogel, das Pfeifen auf den Fingern, das Necken der schönen Mädchen und den Gesang des prima Liedes: „Puppchen, du bist mein Augenstern.“ Mein Onkel belehrte mich auch, daß der Klapperstorch eine Erfindung der Hebammen ist.

Eines Sonntags nach der Kirche sah ich ihn, wie er auf seinem blitzblanken Fahrrai des Weges daherfuhr. In den schönsten Anzug gekleidet, mit flatterndem, rotem Schlips um den Hals, der sich breit wie eine Zaunlatte auf seine Brust legte. Die Manschetten waren tipptopp gestärkt, die Hosen piekfein gebügelt. In deren Umschläge hatte mein Onkel sich schwergewichtige Faßreifen eingebaut, damit die scharfen Falten besser fielen. Die Socken waren knallgrün, die Schuhe knallgelb und geradezu pervers spitz, der steife Hut saß wie eine Bombe auf seinem Kopf. Die Leute sagten, mein Onkel Florian Buchta ginge herum wie die Sünde. Allein schon sein blitzblankes Fahrrad und seine knallgelben Schuhe forderten die gesamte Frömmigkeit heraus. Doch mein Onkel erwiderte darauf mit seinem berühmten Sprichwort, das auch mein Sprichwort geblieben ist: „Mänsch, mach dir kain draus.“

Als ich ihn so daherfahren sah, rief ich: „Onkelchen, darf ich auf dem Stift ein Stückchen mitfahren?“ „Abär freilich, mein Jungä, wenn es dir Spaß macht. Komm rauf“, rief er. Ich schwang mich auf den Stift dies Rades, und mein Onkel steigerte das Tempo. Diese Fahrt war köstlich. Die Glocken läuteten und die Vögel sangen, indes wir durch unseren wunderbaren, heimatlichen Wald auf dem ächzenden Fahrrad dahinflogen. Vor lauter Wonne und Selbstvergessenheit schmetterte mein Onkel das schöne Lied in die Natur hinaus: „Puppchän, du bist mein Augenstärn.“ Bald fuhren wir in das Dorf Tilchowitz hinein, mitten in den Budentrubel eines Ablaßfestes. Als mein Onkel bremste, sprang ich ab. Er wandte sich um und sagte wie erstaunt: „Abär Jungä, bist du auch noch da? Kleinigkeiten übersieht man sowieso. Na, mach dir kain draus. Komm, gehen wir einen heben.“ Er führte sein Fahrrad neben sich. Seine Bügelfalten mit den Faßreifen klatschten gegen die knallgrünen . Socken und knallgelben, pervers spitzen Schuhe. Er trank Schnaps und ich Limonade. „Scbmäckts?“ fragte mein Onkel. „Mach dir kains draus. Ist sowieso alles Scheibe auf dem Planeten“, fügte er hinzu. Wir gingen zur Schießbude. Ich hielt das Fahrrad, und mein Onkel schoß immer in den Mittelpunkt. „Ich werdä wohl noch in den Mittelpunkt der Erdä treffän, pjäruna“, sprach mein Onkel. Zwischendurch schoß er auch gegen eine Bude, aus der alsdann ein Affe auf einem Fahrrad herauskutschierte, wobei mein Onkel jedesmal breit lachte: „Hahaha.“ Ich war höchst amüsiert und lachte ebenso. Nachher begaben wir uns zur Luftschaukel. „Halt mal das Fahrrad“, sagte mein Onkel. „Ich werde den Leuten zeigen, was die Völkerschlacht bei Leipzig ist.“ Ich hielt das Fahrrad, während mein Onkel die Schaukel bestieg. Er schaukelte so mächtig und überschlug sich mit der Schaukel in vielen Saltos, wobei ihm die Hosen mit den Faßreifen bis zu den Knien hochrutschten. Aus seiner Brusttasche fielen klirrend die Heiligenbilder heraus, die ich aufhob. Es waren der heilige Franziskus und die heilige Barbara, die mein Onkel in der Schießbude gewonnen hatte. Der Aufseher fluchte, er bremste meinen Onkel ab, um ihm Vorwürfe zu machen. Aber mein Onkel lachte und rief: „Wenn ich schauklä, dann schauklä ich, Mänsch Mayer.“ Nachher hielt er das Fahrrad und ich schaukelte. Später zogen wir zu einer anderen Bude, darin es verschiedene Spiegel gab, in die wir hineinschauten. Mein Onkel war unmäßig dick und ich unwahrscheinlich lang geworden. Wir lachten nach Herzenslust und schlugen uns gegenseitig auf die Bäuche. „Pjäruna“, rief mein Onkel, „was es so alles gibt auf der verfluchten Welt.“ Danach sagte mir mein Onkel, ich sollte ihm sein Fahrrad bewachen bis er wiederkäme. Ich fuhr auf dem Fahrrad nach Leibeskräften um diesen Ablaßtrubel herum, wo es quäkte und quietschte und allerlei Musiken alles durcheinanderspielten, sogar „Großer Gott wir loben dich“. Plötzlich entdeckte ich einen berückend bunten Zigeunerwagen, auf dessen Eingangstreppe ein dickes Weib saß mit pechschwarzem Haar und goldenen Reifen in den Ohren. Auf ihrem Schoß, in ein Tuch gewickelt, lag ein Kopf. Ich erkannte an den piekfeinen Hosen mit den Faßsreifen, an den knallgelben pervers spitzen Schuhen und den grünen Socken, daß es mein Onkel war, der hier mit breitausgeladenem Gesäß stand, den Kopf eingewickelt im Schoß der Zigeunerin. Viele Leute standen dabei, sie waren interessiert und meinten: „Schaut mal, die Zigeunerin wahrsagt einem.“ Ich trat hinzu und hörte noch, wie das dicke Weib murmelte: „Von der Wiege bis zum Grabe, warme Luft entströmt dir, Knabe.“ Dann wickelte sie den Kopf aus. Mein Onkel stand da, er sagte: „Jäzzä weiß ich alias, was ich brauchä für das beschmissene Leben. Gnägä Frau, was kost der ganzä Spaß?“ Er begann in seiner Gesäßtasche zu fummeln und suchte nach seinem Portemonnaie. Onkel Florian suchte alle Taschen ab, doch das Portemonnaie blieb verschwunden. Erst lachte er, doch dann begann er einen furchtbaren Krach. Er bedrohte die dicke Zigeunerin, die sich einfältig stellte. Schließlich kam ein Zigeuner dazu und beide begannen meinen Onkel zu beschimpfen. Ich mischte mich in die Sache hinein. Plötzlich kam ein ganzes Rudi! von Zigeunern. Sie überwältigten mich und meinen Onkel. Wir wurden abgeschleppt und in einen Affenkasten hineingezwängt, den man verriegelte. So saßen wir drin, wie Hänsel und Gretel, umstanden von den Zigeunern, die uns angrinsten und von meinem Onkel für die erfolgte Wahrsagerei das Honorar forderten. Mit der Zeit wurde es uns beiden weinerlich zumute, und mein Onkel ließ sich auf Verhandlungen ein zum Vergleich. Er sagte: „Es gibt zuviel Zigeuner auf der Welt“, und machte geltend, daß ihm sein Portemonnaie verschwunden sei, was aber die Zigeuner keineswegs beeindruckte. Sie verlangten, daß wir unsere Schulden abarbeiteten. Um unsere Haft abzukürzen, erklärte ich mich hierzu auch gern bereit, wozu ein Zigeuner nickte. Mein Onkel sagte: „Du bist verrückt mein Kind. Recht muß Recht bleiben, hat schon der Alte Fritz gesagt.“ So drehte ich einige Stunden an einem Leierkasten vor dem Karussell des Zigeuners und spielte „Puppchen, du bist mein Augenstern“, als der Gendarm vorbeikam. Ich schrie: „Herr Wachtmeister, die Zigeuner haben meinen Onkel eingewickelt.“ Der Gendarm merkte auf, befreite meinen Onkel aus dem Affenkasten, und wir bekamen sogar unser Fahrrad wieder. Mein Onkel sagte: „Es gibt doch noch Gesetze auf der Welt.“ Das Portemonnaie aber blieb verschwunden. Als wir heimfuhren, sagte mir mein Onkel: „Junge, du hast mir mein sauräs Lebän gerettät.“ Und er sang wieder sehr lustig „Puppchän, du bist mein Augenstärn“, denn er war betrunken. „Wo kann das Portemonnaie hingekommen sein?“ fragte ich ihn besorgt. „Ach, mach dir kain draus“, sagte mein Onkel. „Das hat die Zigeunerin dort hineingesteckt, wo es ganz finster ist.“

Ich fragte erst gar nicht wo, denn mein Onkel winkte großzügig ab. „Diesä Zigeunerin ist halt so einä unfkeusdiä Panson und ein schwarzes Schwein“, sagte mein Onkel und sang wieder „Puppchän, du bist mein Augenstärn“, indes wir durch den Wald fuhren, wo die Bäume geheimnisvoll rauschten und die Vöglein sangen.

Mein Onkel ist schon sehr lange tot. Er ist an der Somme gefallen, getreu dem Lied, das er auch immer sang: Mit Herz und mit Hand – Mit der Büchse in der Hand – Fürs Vaterland.

Aber ein lustiger Mensch war er, und öfter, wenn er mich heute aus der ewigen Seligkeit besucht, lachen wir tüchtig über die ganze Welt, andrer sagt: „Mänsch, mach dir kain draus. Ist sowieso alles Scheibe auf dem Planeten.“