Von W. Renner

Penicillin und Streptomycin sind Heilmittel, die aus einzelligen Mikroorganismen gewonnen sind und deren Heilwirkung darin besteht, daß Stoffwechselprodukte eines Bakteriums vernichtend auf ein anderes, dem Menschen schädliches, wirken. Warum fühlen sich aber die meisten Patienten in ihrer Stimmung so gehoben, warum nehmen sie so stark an Gewicht zu, ohne daß man es sich durch die Besserung ihrer Krankheit, das heißt durch die Vernichtung von Bakterien eigentlich erklären kann?

Die Antwort auf diese Frage kam von einer ganz neuen und unerwarteten Seite. Die menschliche Zelle und die Bakterienzelle brauchen manche Stoffe gemeinsam, um existieren zu können. Ein neues Forschungsgebiet hat sich hiermit aufgetan, auf dem noch eine große Anzahl von Ergebnissen zu erwarten sind.

Vor gut zwanzig Jahren war die perniziöse Anämie eine unheilbare Krankheit, gefürchteter als der Krebs. Die Behandlung mit Leberextrakten bedeutete, daß die von der tödlichen Blutarmut befallenen Menschen jetzt mit Sicherheit gerettet werden konnten und ein langes Leben erreichen. Aber sie brauchen ständig ihre Leberspritze, Spritzen, die von manchen Kranken schlecht vertragen werden. Lang war die Reihe der vergeblichen Versuche, herauszufinden, welche Stoffe in der Leber es sind, die die Kranken benötigen. Denn das ärztliche Bemühen geht dahin, eine Krankheit zu heilen und nicht nur den Befallenen unter ständiger Abhängigkeit vom Medikament gesund zu halten. Im Tierexperiment gelang es nicht, eine der menschlichen perniziösen Anämie vergleichbare Krankheit zu erzielen. Man kam daher dem eigentlichen Kern der Krankheit nicht näher und sah auch keinen Weg, auf dem dies geschehen konnte. Da stellte sich heraus, daß Stoffe, die auf gewisse Bakterien wachstumfördernd wirken, in demselben Grade die vom kranken Knochenmark sozusagen aus Verzweiflung gebildeten unförmigen Riesenzellen verdrängen und eine normale Blutbildung veranlassen können. Der erste solche Stoff, der eine gemeinsame Wirkung auf Bakterien und blutbildende Zellen hatte und der in der Leber entdeckt wurde, war die Folsäure oder auch Blausäure genannt. Man fand sie nämlich unter anderem auch in grünen Blättern wieder. Aber bald stellte sich heraus, daß sie zwar die Blutbildung normalisieren kann, daß aber die Nervenerkrankungen, die in der – Folge der Perniciosa auftreten, sogar verschlechtert. Inzwischen hatte man einen zweiten Stoff gefunden, das Thymin, einen Baustein des Zellkernes. Hiervon jedoch brauchte man so große Mengen, daß es sich nicht lohnte, ihn in die Behandlung einzuführen.

Im letzten Jahr wurde nun in Amerika und England gleichzeitig ein rotes Kristall, das Vitamin B-12, aus der Leber isoliert Da Bruchteile eines Milligramms genügen, um mit ihm vollwertige Normalisierung des Blutbildes zu erreichen, stellt es das ideale Behandlungsmittel der Zukunft dar. Die deutsche pharmazeutische Industrie stellt es schon heute zu einem niedrigeren Preis her als die amerikanische. Außerdem wurde in Deutschland entdeckt, daß es Vorstufen des Vitamins B-12 gibt, die ebenfalls für den Stoffwechsel von Bakterienzellen und wahrscheinlich auch menschlichen Zellen gemeinsam notwendig sind, ohne daß sie eine krankhafte Blutbildung in eine normale umzuwandeln vermögen. In Amerika fand man, daß die Verwertbarkeit von pflanzlichem und tierischem Eiweiß von solchen Stoffen die in winzigen Mengen aufgenommen werden, abhängt. Vielleicht wird man hiermit erklären können, weshalb der Eiweißernährungsmangel in den letzten Jahren bei uns mit relativ so geringen Störungen vertragen wurde.

Erfolgreich sind die Untersuchungen der letzten Monate in Deutschland, die auf dem Gedanken basierten; daß einem Bestandteil des Vitamins B-12 eine große Bedeutung zukommt: dem Kobalt. Dieses. Element, im menschlichen Körper in winzigen Spuren vorhanden, ist in anderen Ländern und bei uns mehrfach auf seine Wirksamkeit bei der perniziösen Anämie untersucht worden. Hier vermochte es nicht, die Blutbildung zu normalisieren. Jetzt fand man aber, daß es die Blutbildung bei Blutarmut anderer Ursachen lebhaft anregt. Stark ausgeblutete Ratten erholten sich nach Kobaltzufuhr in kurzer Zeit. Die Anwendung in der menschlichen Medizin wird wahrscheinlich bald folgen.