Von Berthold Lammert

Die Maschine sollte den Menschen befreien, sie sollte ihm Arbeit abnehmen. Und sie tat es. Sie trägt schwere Lasten über Land und Meer. Sie sät, mäht, drischt und mahlt sein Getreide. Sie spinnt, webt, näht und strickt seine Kleidung. Mit anderen Worten: sie ersetzt seine Hände und Arme, seine Füße und Beine.

So erscheint als Ziel der Technik die Reproduktion des ganzen Menschen –: der Roboter. Die Erschaffung der Glieder des Menschen, das heißt der Arbeitsmaschinen, ist nur die erste Phase der Technik. In der zweiten Phase werden die Muskeln und ihre Kraftquellen erzeugt, die Kraftmaschinen und die Energie. Und in der dritten Phase erhält der künstliche Mensch Sinnesorgane und Stimme. Das erleben wir heute. Das künstliche Auge, die Photozelle, sieht im dunklen Zimmer den Einbrecher und alarmiert die Polizei. Sie sieht mich in den Fahrstuhl steigen und setzt ihn in Bewegung. Sie sieht beim Packen der Zigarettenschachteln die Zigarette, die falsch liegt und berichtigt es. Das künstliche Ohr, das Mikrophon, hört Gespräche und Symphonien und zeichnet sie auf. Dieser technische Mensch wächst weit über den lebenden hinaus. Nicht nur, daß er seinen Globus an einem Tage umfliegt, auch sein Ohr und seine Stimme umfassen den ganzen Erdball. Sein Auge blickt durch die Materie hindurch. Es sieht Atome und reicht Millionen von Lichtjahren in das Weltall hinaus.

So bewundernswert dieser Roboter von heute auch ist, so ruft er so wenig eine Revolution hervor wie in seiner ersten Gestalt als Vaucansons Automat. Es ist und bleibt eine technische Spielerei, Individuen zu bauen. Denn der Roboter ist kein Individuum!

Ein Webstuhl ist nicht ein Weber, sondern hundert Weber. Eine Maschine, die Schuhe macht, ersetzt nicht einen Schuhmacher, sondern dreihundert. Eine Maschine, die Flaschen bläst, verrichtet die Arbeit von tausend Glasbläsern. Die Technik ist an sich so alt wie der homo sapiens selbst. Aber erst als die Maschine die Arbeit dem Menschen nicht erleichterte, sondern als sie sie ihm entriß, als sie sich an seine Stelle setzte, und er sie nur noch "bediente", da brach die Revolution durch die Technik herein. Da wurde der Sinn des Roboters klar. Er ist nicht als Individuum ein technischer Übermensch, sondern er integriert über die ganze Menschheit. Der Webstuhl löschte die Weber auf der ganzen Welt aus, die Schuhmaschine fegte alle Schuhmacher der Erde hinweg. Der künstliche Mensch ist kein Individuum, er ist eine Gestalt der Menschheit, eine Form des homo sapiens (vielleicht auch insapiens). Und so bedeutet sein Erscheinen vor etwa 150 Jahren eine Revolution des Menschen, in der wir heute noch stehen.

Inzwischen hat sich die Maschine so selbständig gemacht, daß der Mensch auch schon als ihr Diener entlassen wird. Vielfach ist er nur noch ihr Wärter. Betreten wir ein modernes Großkraftwerk, so gehen wir in riesigen Hallen zwischen Hunderttausenden in den Generatoren gebändigten PS umher, ohne einem Menschen zu begegnen. Das Prinzip dieser Selbstregulierung ist die geniale Idee der Rückkoppelung. Sie stammt von Christian Huygens, der 1657 die gedämpften Schwingungen des Pendels durch Rückkoppelung in die ungedämpften der Pendeluhr verwandelte und – damit unsere Zeitmessung schuf. (Die Übertragung seines Gedankens auf elektrische Schwingungen schuf den Rundfunk.) Wenn ein Elektromotor in einem Augenblick höher belastet wird, so fängt er an, langsamer zu laufen. Das bewirkt eine Lieferung von mehr Strom Schon läuft er wieder schneller und paßt sich also selbständig der verlangten Leistung an. Wenn die Kohle in der Feuerung eines Kraftwerks nicht vollkommen verbrennt, so bemerkt das ein chemischer Analyseapparat, durch den der Rauch streicht. Er schaltet einen Regler für die Luftzufuhr solange ein, bis der Rauch wieder normal ist. Nicht nur Maschinen regulieren sich selbsttätig, sondern durch solche mit den Prozessen gekoppelte Regler machen sich heute ganze Industriebetriebe vom Menschen unabhängig und erniedrigen ihn zum Aufpasser.

In neuester Zeit kündigt sich nun die vierte Phase der Technik an. Nach den Gliedern, den Muskeln, den Sinnesorganen und der Stimme erhält der künstliche Übermensch das Gehirn. Er beginnt zu denken. Natürlich kann es sich nicht um schöpferisches, sondern lediglich um mechanisches Denken handeln. Das Gehirn besteht aus einigen tausend Elektronenröhren, den bekannten umheimlich flinken Heinzelmännchen des Radios und des Fernsehens. Es rechnet, und, da es in einer Minute hunderttausend Multiplikationen oder Divisionen macht, berechnet es höchstkomplizierte und ebenso wichtige mathematische Aufgaben der Technik, die man bisher liegen ließ, weil man jahrelang hätte rechnen müssen.