München, im April

Münchens Theater halben in den vergangenen Jahren von Anouilh bis Claudel, von Wilder bis Williams, vom Lied der Taube bis zum Mord im Dom so ziemlich alles nachgeliefert, was wir an ausländischer Dramatik letzthin bitten versäumen müssen. Mit einer Ausnahme: Jean-Paul Sartre war an der Isar bislang nur dank einem schnittigen Berliner Gastspiel mit „Schmutzige Hände“ bekannt geworden. Außer- – halb Münchens führt man derlei gern auf das besondere Klima zwischen Zugspitze und Bayrischem Wald zurück. Intra muros beruft man sich auf die Grippe, wenn das vielberedete Huis Oos („Geschlossene Gesellschaft“) erst jetzt auch hier zur Diskussion gestellt wird.

In der Tat ist München, was „Modernstes“ betrifft, so zimperlich nicht, wie sein Ruf wahrhaben möchte. Seit Karl Amadeus Hartmann, dem die „Bayrische Akademie der schönen Künste“ soeben ihren Musikpreis verlieh (den Kunstpreis erhielt der junge Holzplastik Toni Rückel, den Literaturpreis Friedlich Georg Jünger) die Konzerte der Musica viva eingerichtet tut, ist München auch musikalisch keineswegs mehr im Nachtrab, und von bierbäuchiger Bequemlichkeit gegenüber dem Ungewohnten und Problematischen kann da gar nicht die Rede sein.

Sollten wir aber (wie die Direktion der Kammerspiele versichert) nur durch Erkrankungen verhindert worden sein, Sartres Höllenstück schon vor Jahresfrist kennenzulernen, so wurden wir dafür entschädigt, indem wir es jetzt gleich zweimit hintereinander zu sehen bekamen. Zuerst bei einer Tagung für Theaterbeflissene, welche de Evangelische Akademie in Tutzing abhielt, als improvisierte Studio-Aufführung des Malers, Bühnenbildners, Spielleiters Luigi Malipiero-Und jetzt als Gastspiel der Kammerspiele im Schwabinger Ateliertheater mit einer Elite-Inszenierung Bruno Hübners und Maria Wimmer, Maria Nicklisch, Peter Lühr und Hans Magel als Darstellern.

Es ist nie von Übel, ein Stück in verschiedenen Inszenierungen gesehen zu – haben, mag es den Beurteiler auch, oft hart ankommen, von einer liebenswerten Prägung auf eine andere, aber nicht ,mindere‘, umzusiedeln. Bei Huis Clos war’s doppelt ersprießlich; denn hierbei war etwas zu entdecken, was eigentlich aller Logik widersprach. Zweifellos war nämlich die zweite, die Hübnersche Inszenierung (trotz einiger nicht recht verständlicher Striche) die vollkommenere – zum ersten schon durch den winzigen Ateliertheaterraum, der die Zuschauer so sehr in jenes Höllen-Appartement miteinzuschließen drohte, daß man sie durch Gaze wieder etwas distanzierte, – zum andern durch die Qualität der Darsteller selbst.

Das Girrende, Fatal-Blühende, nur immer von sich und nicht einmal von der Hölle Notiz nehmen Wollende der Estselle wurde bezwingend von Maria Nicklisch, der wie ein Wild in der Falle sichernde, vordenkende Mann Garcin, der lieber Schuft als Feigling heißen will, von Peter Lühr in der ihm eigenen Mischung aus Salopperie und Sensibilität ausgezeichnet verkörpert. Und welchen Weg vollends hat Maria Wimmer von ihrer Goethejahr-Iphigenie (über Strindbergs „Vater“) bis zu dieser überstrindbergisch infernalischen Lesbierin Ines zurückgelegt, in der alles Nur-Gefällige zu Asche verbrannt, alles Gefallenwollen in Machtwille und Schmach böse verstrickt erscheint! Auch Hans Magel gab dem Kellner, der die Verdammten in das sich um die drei Insassen schließende Empirezimmer geleitet, eine diskrete, darum sehr eindrucksvolle Hohn-Maske; indessen war die Auffassung des Tutzinger Darstellers, der ihn ganz auf lastende karge Traurigkeit abstimmte, noch höllischer, weil sie im Zweifel ließ, ob dieser ein verdammter Geist (ein Teufel) oder auch nur ein verdammter (höllen-„dienstverpflichteter“) Mensch sei. Dieser Zweifel ist eine Kategorie mehr.

Und nun die Überraschung! Ungeachtet der perfekteren zweiten Darstellung machte die erste, in Tutzing, den unmittelbar stärkeren Eindruck. Und das verrät doch wohl, daß Sartres Stück auf der Seite der menschlichen Tiefensicht nicht völlig gleichzieht mit dem Sensationellen des Stoffs, daß also die Wirkung um etliches mehr vom Schock des Ungewöhnlichen ausgeht als von der uns zu Mitleiden und Furcht vermögenden Zeichnung der Figuren und ihres (grauenhaften) Schicksals. Dennoch! Lasset uns auch diesen Schock segnen; denn die Sache will ihn, und sie, sie vor allem, geht uns etwas an! Man braucht nur – unter dem Aspekt der Theaterkrise – die Ausgrabungen, deren sich unsere Bühnen um der Artistik willen befleißigen, mit diesem penetranten Hölleneinakter zu vergleichen, um zu wissen, daß mit zwei Dutzend Stückendieser Intensität die Krise kein Schrecken mehr wäre.

Man weiß von Sartre sehr viel und wenig Erfreuliches; denn er war so unvorsichtig, es nicht nur in Romanen oder Dramen, sondern auch noch more philosophico auszubreiten. Dem Wissenden dünkt es überaus möglich, daß Sartre seine Hölle nur projiziert und somit nur unsere (immanente) Weit gemeint und verdammt habe. Aber rundheraus gefragt: was geht das den Zuschauer an? Er sieht die Hölle, nicht veralbert, sondern exemplarisch; so, wie sie einem Menschen von heute allein; glaublich ist. Und darum sei die Behauptung gewagt, daß seit den mittelalterlichen Mysterienspielen oder den spanischen Autos sacramentales vielleicht kein Stück mehr einen so nützlichen Schock im Gewissen, anrichten konnte wie eben dieses. Wenn es heillos, intelligent und ätzend darin zugeht – nun, jede Zeit spiegelt die Hölle, die sie sich verdient. Hanns Braun