Von Christian E. Lewalter

Solange die Dichter noch leben, sollte man es tunlichst vermeiden, Absätze zur Deutung ihrer Produktion zu entwerfen oder gar zu veröffentlichen. Äußerst selten kommt es vor, daß ein anderer, und sei es der Zartfühlendste, Umsichtigste und Besonnenste, einen Dichter – und gar einen dunklen Dichter – intimer versteht als dieser sich selbst. Dichten, gerade auch „lyrisches“ Dichten, ist ja nicht holdes Lallen aus der Verzückung, sondern kontrolliertes Formen, und eben das Organ, das im Dichter die Kontrolle vollzieht (die Romantiker, unverfängliche Zeugen, nannten es den „Kunstverstand“, und man darf ihnen getrost darin folgen) – dasselbe Organ befähigt ihn auch, sich über Anlaß, Impuls, Not und Ziel seines Dichtens Rechenschaft zu geben und davon authentisch zur Öffentlichkeit zu sprechen. Tut er das eines Tages, dann überholt er alle früheren Versuche, sein Werk zu verstehen und zu erklären.

Seitdem Gottfried Benn sein „Doppelleben“ preisgegeben hat (wie alle seine anderen Schriften jetzt im Limes Verlag, Wiesbaden), müssen die Benn-Interpreten („Über das Prinzip des dichterischen Schaffens bei G. B.“, „G. B. als Expressionist und Surrealist“ und dergleichen) ihre Pfosten neu stecken. Sie werden eine Weile verstummen, und das ist nicht von Übel, denn in den letzten zwölf Monaten gab es in Broschüren, Zeitschriften und Zeitungen so viel Verdutztes, Profundes, Spitzig-Malitiöses und Hymnisches über Benn zu lesen, daß der damit überschüttete Zeitgenosse meinen konnte, dieser Dichter hause in einem Labyrinth und nähre sich von den Opfern, die Verstand und gesunder Sinn seinem Groll zu bringen hätten. Deutsche Jünglinge, schreibende, fürchteten schon, die älteren wollten sie, wie es der Despot Kretas von den athenischen forderte, ganz ohne Ariadnefaden diesem Minotaurus zum Fraß darbieten. Nun hat gottlob der Gefürchtete selbst das Wort genommen, und es kann Schweigen eintreten, Schweigen und Gelassenheit.

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„Doppelleben“. Der Titel ist zunächst ganz privat zu verstehen. Beim ist von Beruf Arzt, und außerdem dichtet er. Daran scheint nichts Merkwürdiges. Nicht jeder Dichter ist Berufsschriftsteller. Theodor Storm war Richter, Eduard Mörike Pfarrer, Paul Claudel Diplomat. Führten sie ein „Doppelleben“? Ihre Tagesarbeit ging aus einem Lebenskreis hervor und in ihn ein; ihre dichterische Produktion entfaltete sich unabhängig davon. Sie war, vom Sozialen aus gesehen, ein hobby, eine Liebhaberei wie Kupferstichsammeln.

Benns Dichten – dieser Umstand muß als erster vermerkt werden und geht jeden an, auch den, dem Benns Werk noch fremd ist – Benns Dichten ist nicht von dieser schönen Beiläufigkeit. Es ist, vom ersten Anfang an, durch eine Erfahrung aus der Tagesarbeit angetrieben worden: durch die Erfahrung, daß diese, daß jede Tagesarbeit sich seit dem Anbruch des Industriezeitalters mehr und mehr in einer Welt ohne Wirklichkeit vollzieht. Der Dichter Benn ist eine Emanation des Arztes Benn, der auf die Fragwürdigkeit seines und jedes Berufslebens in dieser Zeit reflektiert – sozusagen ein Nacht-Ich, das sich mit dem Geistesblut des wunden Tages-Ich nährt.

Welt ohne Wirklichkeit? Es will beachtet werden, was „Wirklichkeit“ für Benn (und überhaupt) besagen kann. In Hegels oft geschmähtem Satz, daß alles Wirkliche vernünftig sei, ist – sonst wäre es eine monströse Plattheit – darauf angespielt, daß „Wirkliches“ Gewirktes ist. „... und wirke der Gottheit lebendiges Kleid ...“, singt der Erdgeist, den Faust beschwor. Hegel kehrte seinen Satz ja auch um: „Alles Vernünftige ist wirklich“, es ist eingewirkt in den Teppich der Weltgeschichte. Menschen, die in einer wirklichen Welt leben, sind wie Fäden eines Gewebes, das zusammenhält.