Es tut mir leid, daß „Die Zeit“ es für richtig hält, zu sagen, die Engländer seien die unbeliebteste Besatzungsmacht in Deutschland. Es tut mir leid, weil es unerfreulich ist, unbeliebt zu sein. Und eine solche Feststellung in einer Zeitung von dieser Bedeutung wird die Zahl der Deutschen, die uns nicht lieben, eher vermehren als vermindern. Ich bin jedoch durch diese Ansicht weder überrascht noch sonderlich beunruhigt. Ich bin nicht überrascht, weil die bloße Tatsache der Besatzung ein Urteil über den deutschen Charakter und die deutsche Geschichte in sich schließt, das für die meisten Deutschen unannehmbar ist. Und ich bin nicht beunruhigt, weil ich die deutsche Methode eines Bemühens um Verständigung und Versöhnung für grundsätzlich falsch halte.

Es liegt mir daran, zwei Punkte klarzustellen. Erstens: wenn ich von Deutschen rede, so meine ich nur diejenigen, die für die Deutsche Bundesrepublik handeln, schreiben oder sprechen. Kein Journalist und erst recht kein Politiker sollte unter „Deutschen“ etwas anderes verstehen. Auch ich bin der Meinung, daß es unklug von Mr. Bevin war, im Unterhaus die bekannten Äußerungen über den deutschen Charakter zu machen. Er hätte besser daran getan, sich der Worte von Burke zu erinnern: „Ich kenne kein Verfahren, wonach man gegen ein ganzes Volk Anklage erheben könnte.“ Aber Mr. Bevin antwortete im Unterhaus auf Mr. Churchills Meinung, Westeuropa sei bereit, eine Waffenkameradschaft mit Deutschland gegen die gemeinsame Gefahr, zu begründen. Und was er sagte, war keine wohlüberlegte, aus einem Manuskript verlesene Feststellung. Es war eine Verallgemeinerung in der Hitze des Gefechts. Mr. Bevins Überzeugung, daß Deutschland größerer und besserer Dinge fähig sei, ist in seinen Reden oft genug zum Ausdruck gekommen. Sie durchdringt die gesamte Politik des Petersbergs, für die er in erster Linie verantwortlich ist.

Der zweite Punkt, den ich klar zu stellen wünsche, ist dieser: ich schreibe als Liberaler und als ein Journalist, der während der drei ersten Jahre des Naziregimes in Berlin als Korrespondent tätig war. Ich arbeite hauptsächlich für eine Wochenzeitung, die sich durch ihre Unabhängigkeit von allen politischen Parteien auszeichnet. Der „Economist“ hat immer wieder die Politik einer strengen politischen und Wirtschaftlichen Kontrolle kritisiert, die jetzt zu Ende ist, und die Demontagepolitik, die sich ihrem Ende nähert. Aber was ich in diesem Artikel schreibe, ist meine ganz persönliche Meinung: die aufrichtige Antwort eines Engländers, der sich in seinen liberalen Überzeugungen durch den Krieg nicht erschüttern ließ. Ich werde auf den Artikel in der „Zeit“ nicht Punkt für Punkt antworten. Ich werde lieber versuchen, zu erklären, was man in England über Deutschland denkt, und worin sich die Führer der deutschen öffentlichen Meinung bei ihrer Annäherung an uns irren.

Ihr wünscht einen Geist der Verständigung und zwar aus dem Grunde, daß eine Verständigung zwischen unseren beiden Völkern die Voraussetzung für die Einigung Westeuropas ist. Ist dies nun etwas, was ihr als ein Recht betrachtet? Fordert ihr eine versöhnliche Haltung im Namen eines moralischen oder politischen Prinzips, das ehrenhafte Männer in beiden Ländern akzeptieren könnten? Falls ja, welches ist dies Prinzip? Oder aber deutet sich hier eine Drohung an? Zeigt sich hier vielleicht unversehens die Neigung, uns wissen zu lassen, daß Deutschland, falls die Engländer (und die Amerikaner und die Franzosen) nicht versöhnlich sein sollten, sich den Russen zuwenden würde? Sollte es sich um Derartiges handeln, so erübrigt sich eine britische Antwort.

Man muß zwei Dinge im Auge behalten: das eine ist eine Tatsache von Dauer, das andere mehr eine Zeiterscheinung. Erstens: Man kann die Engländer zum Narren halten, man kann sie einlullen bis zur Trägheit, man kann ihnen schmeicheln. Aber einschüchtern kann man sie nicht. Ich bin sicher, daß Sie von der „Zeit“ dies begreifen. Zweitens: man muß bedenken, daß die Engländer hart darum zu kämpfen haben, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Von dieser Aufgabe sind die meisten von ihnen – Arbeiter sowohl wie Minister – voll in Anspruch genommen. Und sie wissen im Grunde ihres Herzens sehr wohl, daß der Krieg die .Hauptursache ihrer Nöte gewesen ist. Bei dieser Lage der Dinge ist es recht bemerkenswert, und, wie ich glaube, spricht es zu unseren Gunsten, daß man Engländer, wenn sie über ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten sprechen, niemals sagen hört: „Hierfür haben wir Hitler zu danken.“

So manches verstehen wir hier nicht: Ihr, wie wir selbst, seid von amerikanischer Hilfe abhängig, um die erforderlichen Rohstoffe und Lebensmittel zu erhalten. In zwei Jahren wird die amerikanische Hilfe aufhören. Macht ihr eine große nationale Anstrengung, um euch unabhängig zu machen? Oder wird auf eine Fortsetzung der Hilfe gerechnet, in der Überzeugung, der Westen werde für die deutsche Freundschaft einen hohen Preis zahlen?

Weiter: Dr. Adenauer hat Bedingungen für Deutschlands Eintritt in den Europarat gestellt. Er weiß sehr wohl, daß die Bundesregierung im Laufe der nächsten fünfzehn Monate wahrscheinlich wieder über eine eigene Außenpolitik verfügen wird und daß dies ihr im Europarat die volle Gleichberechtigung verschaffen wird. Warum wartet er dann wochenlang mit seiner Antwort auf die Einladung? Dies sieht wie Unhöflichkeit, sogar wie Anmaßung aus. Es sieht so aus, als versuche der Kanzler die Hohe Kommission zu Konzessionen zu bewegen, für die die Zeit noch nicht gekommen ist.