Deutschlands Außenpolitik soll demnächst diplomatische Form annehmen. Das ist nur gut so. Denn die „Gespräche an französischen Kaminen“, die Interviews des Bundeskanzlers oder wie sonst immer die deutschen Ausflüge in die internationale Politik sich darstellten, all dies war nicht dazu angetan, das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland zu steigern. Nun aber ist in Bonn das Gerippe eines künftigen Staatssekretariats für Auswärtige Angelegenheiten im Bundeskanzleramt geschaffen worden. Und an seiner Spitze wird Dr. Theo Kordt stehen.

Der heute 56jährige Diplomat gehörte – wie auch sein Bruder Erich, der zeitweilige Chef des Ministerbüros Ribbentrop und spätere Verfasser von „Wahn und Wirklichkeit – dem ehemaligen Deutschen Auswärtigen Amt an. Er wurde in Düsseldorf geboren, studierte an den berühmtesten Universitäten Deutschlands, Frankreichs und Englands und legte 1923 nach vierjährigem Frontdienst im ersten Weltkrieg unter Stresemann seine diplomatisch-konsularische Abschlußprüfung ab. Neapel, Bern, Den Haag, Athen und London waren die Stationen seiner Laufbahn in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Besonders seine Mission in der britischen Hauptstadt wurde für Kordt bedeutungsvoll. Dank seiner Sprachkenntnisse – noch heute läßt er oft englische Sätze in die Unterhaltung einfließen, wenn es gilt, Dialoge aus jener Zeit Wiederaufleben zu lassen –, dank seiner Beziehungen zur Londoner Gesellschaft und zu führenden politischen Kreisen, die ihm auch der ehemalige Botschafter von Dirksen in seinen Memoiren „Moskau, Tokio, London“ bescheinigt, gelang es dem damaligen Botschaftsrat in den Jahren 1938/39 den Anfang eines Netzes zu knüpfen, in dessen Maschen sich der kriegswütige Hitler wohl hätte verfangen sollen. Allein wie so manches andere Widerstandsunternehmen, das aussichtsreich schien, den zweiten Weltkrieg zu verhindern oder zu verkürzen, so scheiterte auch dieses. Der Morgen des 1. September 1939 graute. Kordt kehrte nach Berlin zurück.

Als er nach 1945 seinen Wohnsitz in Bad Godesberg aufschlug, erhielt Theo Kordt einen Lehrauftrag an der Universität Bonn für das neu eingerichtete Fach „Praxis des Völkerrechts und der Diplomatie“ und wurde ein Jahr später, 1948, als Vertreter Nordrhein-Westfalens in den Verfassungskonvent von Herrenchiemsee entsandt. Er nahm damals den Auftrag des Ministerpräsidenten Arnold mit den Worten an, die der junge Bismarck zu dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. sagte, als dieser ihn als Legationssekretär an die preußische Bundesgesandtschaft in Frankfurt schickte und ihn ob seiner „Courage“ beglückwünschte: „Der Mut ist ganz auf Seiten Eurer Majestät.“ Später wurde Kordt Beobachter des Landes Nordrhein-Westfalen bei den Arbeiten des Parlamentarischen Rates in Bonn, und schließlich übernahm er die Leitung des Referats für Internationales Recht beim Ministerpräsidenten Arnold.

Es scheint, als habe Arnold seinen „Mut“ von damals nie bereut. Wer Theo Kordt gegenübersitzt, ahnt weshalb. Kein unbedachtes Wort kommt über seine Lippen. Seine Rede fließt ruhig und bedächtig. Fast immer steht in der Unterhaltung die Sache im Vordergrund, selten seine persönliche Ansicht. „Für den Diplomaten gilt, was Schlieffen von dem Generalstäbler behauptete: Er hat keinen Namen.“ So sagt Kordt. Und es ist ein gutes Wort. Namen gibt es in Bonn ohnehin genug.

Als Chef der wichtigsten Sektion des künftigen Staatssekretariats für Auswärtige Angelegenheiten, der Konsularabteilung, wird Kordt zwangsläufig die Koordinierung der übrigen drei Gruppen des Amtes, übernehmen: Der Verbindungsstelle zum Rat der Alliierten Hohen Kommission unter Ministerialdirigent Blankehorn, mit dem Kordt eine alte Bekanntschaft verbindet, des Organisationsbüros für den deutschen Auslandsdienst unter Staatsrat Haas und des Arbeitsstabs Protokoll unter der kommissarischen Leitung von Ministerialrat v. Herwarth. Damit nimmt Kordt automatisch jene Stellung ein, die einst im alten Auswärtigen Amt der Direktor der Politischen Abteilung, der höchste Beamte des Auswärtigen Dienstes, innehatte: den Staatssekretärsposten. Zwar lautet seine eigene Meinung: „Der Staatssekretär sollte heute eigentlich kein Beamter, sondern ein Politiker sein.“ (Weil ihm ja praktisch die Aufgaben eines Außenministers zufallen, den zu ernennen das Besatzungsstatut verbietet.) Trotzdem ist die Wahl Dr. Adenauers, in der Person Kordts eben doch einen Beamten und nicht einen Politiker zu bestellen, keineswegs erstaunlich. Denn unter Theo Kordt dürfte die deutsche Außenpolitik zweifellos die Stufe des Dilettantismus endgültig hinter sich lassen, und damit wäre den Vorwürfen der Opposition über die außenpolitische „Radiobastelei“ des Bundeskanzlers der Boden entzogen. Durch die neugewonnene diplomatische Form aber wird weiter unverfälscht das politische Profil des Kanzlers hindurchschimmern können. Claus Jacobi